November 2004

Kann ein Weinmonat schöner beginnen als mit Stefan Graf Neippergs grandiosen Weinen? Anfang November stellte Graf Neipperg seine Weine persönlich in Düsseldorf anlässlich einer Office-Einweihung vor. Der Wineterminator gehörte zu den Glücklichen, die bei dieser begehrten Veranstaltung dabei sein durften.
Stefan Graf Neipperg ist ein sehr charmanter, eloquenter Mensch, von dem so mancher Entertainer noch was lernen könnte. Sollte sich Ihnen einmal die Möglichkeit einer Weinpräsentation oder Verkostung mit Graf Neipperg, so dürfen Sie sich das keinesfalls entgehen lassen.
Präsentiert wurden die Weine aus 2001 und 1998.
2001 Chateau d´Aighuilhe, kräftige Farbe, Würztöne, pfaumige Frucht, gutes Tanningerüst, ein Wein auf dem man Kauen kann, sicher nicht in der 200er Qualität, aber durchaus vergleichbar mit 1999 und damit sehr gutes Preis-/Leistungsverhältnis – 91/100.
2001 Clos de l´Oratoire war eleganter als Aighuilhe, aber auch etwas dürr und konnte mich nicht überzeugen, bitter im Abgang, da stimmte das Verhältnis von Tanninen und Frucht nicht – 89/100
2001 Canon-la-Gaffelière, füllig, kräftig, würzig, sehr lang am Gaumen, braucht sicher noch ein paar Jahre und kann noch zulegen – 91/100
2001 La Mondotte, dichter, sehr gut strukturierter, kräftiger Merlot mit Bitterschokolade und etwas Lakritz, erinnerte mich an junge Pahlmeyer-Merlots – 93/100
1998 Clos de l´Oratoire, dichte Farbe, Kraft, wenig Frucht, wirkte eindimensional und machte mich nicht an – 88/100
1998 Canon-la-Gaffelière, dichte Farbe, sehr kräftiger Wein mit guter Frucht und präsenten, aber reifen Tanninen, wirkte noch etwas verschlossen, dürfte sich aber sehr gut entwickeln – 93/100
1998 La Mondotte war natürlich der Star der kleinen Verkostung. Ein dichter, muskulöser Powerstoff mit konzentrierter Frucht, Bitterschokolade und Espresso. Schon gut antrinkbar, aber sicher in 5 Jahren noch mal eine Klasse besser, Genusswertung heute 94/100 mit Potential für 3-4 mehr
Hinter gab es noch den etwas dünnen 1997 Clos de l´Oratoire und den recht schönen 1999er. Der Fairness halber sei aber gesagt, dass alle Weine aus zwar relativ zeitig geöffneten Flaschen stammten, aber leider nicht dekantiert wurden. Spetiell die arg verschlossen wirkenden Clos de l´Oratoires hätten davon sicher profitiert.

Auf Herrenabenden wird nur Bier gesoffen und dreckige Witze erzählt? Weit gefehlt! Auf einem um mehrere Jahre verspäteten Jungesellenausstand gab es neben gutem Essen und viel Spass in netter Runde ein paar tolle Tropfen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der als Willkommensschluck gereichte 2001 Caymus Conundrum, eine sehr erfrischende Cuvée aus Chardonnay, Muscat, Sauvignon Blanc, Sémillon, und Viognier. Da sind rechlich tropische Früchte drin, aber auch frische Melone und das alles mit knackiger Säure, sehr zu empfehlen – 91/100. Nicht von schlechten Eltern war auch eine Doppelmagnum 1999 Quinault l´Enclos, gewaltiges, tiefdunkles Aromenpaket, öffnete sich zögerlich, verschwenderische Beerenfrucht, hatte aber kaum Zeit zur richtigen Entfaltung, denn die Chance richtig voller Gläser wurde weidlich genutzt. So schnell habe ich selten eine Doppelmagnum leer gesehen – 95/100. Da konnte einem dann der 2000 Cos d´Estournel aus der Magnum fast leid tun. Tiefe, schwarzrote Farbe, schöne Frucht, aber in der Mitte ist da ein kleines Loch, dem Cos fehlt es etwas an Fett um wirklich gross zu sein - 93/100. Lecker war er trotzdem.
Da fällt mir ein, ich habe auch keinen Junggesellenausstand gegeben. Ich bin zwar 22 Jahre zu spät dran, aber was soll´s. Das wird schleunigst nachgeholt!

In meinem Keller liegt noch eine angebrochene Kiste 1988 Troplong Mondot. Da war ich vor vier Jahren mal dran und vor zwei Jahren. Das Resultat war immer gleich. Sehr junge, dichte Farbe, viel Kraft, leicht florale Aromen, rustikal, verdammt verschlossen, kräftige Tannine. Und nun im November 2004 der dritte Versuch. Ähnliches Resultat, der Wein ist herb, streng, macht einfach keinen Spass. Aber hat immer noch diese verdammt junge Farbe. Gabriel nachgelesen, Da steht im neuen Buch nur: 17/20, austrinken. Kein Wunder, nachschlagen in der alten Ausgabe zeigt, er hat ihn zuletzt 1991 getrunken( das war bei der Mövenpick Arrivage, da war der Wein recht zugänglich und hat von mir eine ähnliche Note bekommen). Nächster Versuch Parker. Der spricht von einem eleganten, reifen Wein, der bis 2007 getrunken werden sollte und gibt 89/90. Zuletzt getrunken hat er ihn 1996. Hat der eine andere Abfüllung gehabt? Hilft mir also auch nicht weiter. Und jetzt? Ab auf die Auktion oder über Ebay verdonnern? Ich schaue mir wieder diese junge Farbe an. Da muss einfach noch mehr kommen. Und dann denke ich an die Leute, die vor Jahrzehnten vielleicht ähnlich fragend vor 1937 oder 1947 Troplong Mondot gesessen habe, ganz grossen Weinen, die heute Spass machen. Literatur hilft da nicht weiter, sondern nur Geduld. Die Kiste wird in die hinterste Ecke des Kellers gepackt. Fortsetzung der Geschichte in frühestens 5 Jahren.

Was war ich früher ein großer Sassicaia-Fan! Wurden doch auf diesem italienischen Gut riesengroße Weine erzeugt, die in ihrer Stylistik großen Bordeaux nicht unähnlich waren. Leider ist spätestens seit 1990 Schluß mit Spitzen-Sassicaias. Keiner der Weine danach konnte mehr voll überzeugen. Nicht etwa, dass die neueren Sassicaias schlechte Weine wären. Nur entsprechen sie nicht mehr dem früheren Standard und sind für das Gebotene hoffnungslos überteuert. Auf Sassicaia wird eindeutig zuviel Wein erzeugt. Aber warum sollte der Incisa denn die Hektarerträge deutlich begrenzen und einen preiswerteren Zweitwein einführen, wenn ihm das Zeugs doch förmlich aus den Händen gerissen wird. Da bekommt man als Kunde eben das, was man verdient.
Mit vier älteren Sassicaias haben wir noch einmal in gute, alte Sassicaia-Zeiten zurückgeblickt. 1977 Sassicaia hatte noch immer eine intakte Farbe, reifer, perfekter Cabernet in Reinkultur, die Nase war wie eine Mischung aus alter Bibliothek und Gewürzladen, dazu ein dezenter Minzton, am Gaumen seidig, elegant mit schöner Länge, im Abgang pfeffrig. Erinnert mich an 61 Gruaud Larose und wird in guten Flaschen sicher noch 5-10 Jahre halten - 96/100. 1978 Sassicaia hatte eine kräftigere Farbe als 77, aber etwas weniger Körper. Mit Bleistift und Leder wirkte er wie ein klassischer Mouton - 94/100. Die Legende 1985 Sassicaia hat immer noch eine superdichte Farbe, aber der Lack ist derzeit etwas ab. Die geile Frucht und Fruchtsüße aus seiner Glanzzeit ist weg. Am Gaumen bleibt aber ein irre konzentrierter Wein mit immer noch viel Potential und unglaublicher Länge. Ich bin mir sicher, dass dieser Wein in 5-10 Jahren eine grandiose "Wiederauferstehung" feiern wird. Heute immer noch 95/100, aber mit Potential für 3-4 mehr, also weglegen. Mit dem 1988 Sassicaia zeigt sich bereits ein deutlich modernerer, nicht unbedingt besserer Sassicaia-Stil. Allerdings ist der 88er nicht so dünn wie das neuere Sassicaia-Zeugs - 94/100.