Mai 2010
Der Wineterminator als Etikettentrinker
Was waren die beeindruckensten Weine im WeinWonneMonat Mai? Diesmal nicht die großen Stars, von denen ich auch reichlich zu trinken bekam. Fasziniert haben mich zwei verrückte, aber preislich stinknormale, saugut zu trinkende Garagenweine, der Bad Boy von Valandraud-Eigner Jean-Luc Thunevin und der Wild Thing von Anthony Hammond aus dem Rheingau. Bei beiden Weinen reizte mich zunächst vor allem das spannende Etikett. Und so wurde ich zum Etikettentrinker, was bei jeweils ca. € 12 (Wild Thing) und € 15 (Bad Boy) sicherlich zu verzeihen ist.
Den 2006 Bad Boy von Jean-Luc Thunevin entdeckte ich im Shop des zum Strümper Regalido gehörenden Bistros Les Tartines. Er ist der Bad Boy des Bordeaux, das Schwarze Schaf und der Erfinder des Garagenweines, dieser Jean-Luc Thunevin, eigensinnig, unkonventionell und erfolgreich, nicht nur mit seinem Starwein Valandraud. Und mit diesem Bad Boy setzt er mal wieder Zeichen. Ein Spaßwein zu kleinem Preis auf verdammt hohem Niveau, mit satter, pflaumiger Frucht, prächtiger Fülle und weichen, aber durchaus vorhandenen Tanninen kommen da locker 90/100 ins Glas. Für mich ist das ein Good Boy, der jederzeit auf meinen Tisch und in mein Glas darf.
Den 2009 Wild Thing habe ich auf der Karte des Gasthaus Stappen gefunden und bereits mehrfach getrunken, so auch an diesem Pfingstmontag wieder. Da haben wir zunächst mit einem 2008 Wild Thing angefangen. Obwohl als feinherb deklariert, wirkte er trocken, sehr mineralisch und gut strukturiert – 87/100. Die „Wilden“ Hefen sind es, die diesem Wein seinen Namen geben. Spontanvergoren ist er. In 2008 hatten die Hefen weniger Arbeit, also geriet der Wein deutlich trockener. Anders in 2009, wo sie ihre Arbeit einstellten, als noch deutlicher Restzucker vorhanden war. So geriet der 2009 Wild Thing deutlich saftiger, traubiger, süßer, aber auch spannender und fordernder – 91/100. „Wild Thing, makes my heart swing“ – so macht der Winzer eine Anleihe bei den Troggs und bezeichnet seinen Wein als „eigensinnig, erstaunlich, verwegen, reizvoll, animierend….oder was fällt Dir noch ein, nachdem Du ihn probiert hast?“ Mir fiel als erstes ein, dass wir von diesem verdammt guten Stoff noch eine Flasche brauchten. Und dann fiel mir natürlich ein, dass dieser Preis-/Leistungssieger dringend in meinen Keller gehört. Winzer Anthony Hammond ist übrigens mit seinen Weinen auch beim jährlichen Weinfest der Stappens zu Gast. In diesem Jahr am 17. Juli ab 16 Uhr.
Groß war unsere Runde an diesem Mittag. Groß war auch unser Appetit, den die die Stappenküche bestens stillte. Da gönnten wir uns dann auch noch einen Weißwein, bevor es an die eigenen, mitgebrachten Pretiosen ging. Sehr fein, elegant und mineralisch war der 2008 Grauschiefer Riesling von Altenkirch, mit glockenklarer Frucht, dazu angenehm leicht und finessig – 89/100.
Ein echtes Prachtstück gleich unser erster Roter, ein 2000 Conseillante. Eine wunderbare Kombination aus Schokolade, rotbeeriger Frucht und feinem Schmelz, seidig, aber auch sehr nachhaltig am Gaumen. 94+/100 waren da locker im Glas, in ein paar Jahren werden das sicher 96/100. Ratlose Gesichter dann eher, als der zweite Wein aufgedeckt wurde, ein 1996 Pichon Baron. Der hatte die reife Farbe und die Aromatik eines älteren Riojas. Das musste eine Schaufensterflasche gewesen sein, die unserem edlen Spender da vor etlichen Jahren untergejubelt worden war, jammerschade. Recht offen mit feiner süßer Frucht und betörendem Schmelz zeigte sich 1999 Silver Oak Napa Valley, so eine Art kleine Comtesse aus demNapa Valley – 92/100. Auf dem Punkt war 1970 Domaine de Chevalier, Cigarbox, Zedernholz, immer noch gute Frucht, feine Süße, dabei sehr fein und elegant, wirkte in der Anmutung sehr burgundisch – 94/100. Hatte ich noch nie so überzeugend im Glas. Deutlich reifer als ich ihn sonst kenne danach ein 1970 Latour-à-Pomerol, weich, elegant, schokoladig – 93/100.
Ein echtes Kabinettstück als Abschluss ein 2008 Serriger Schloss Saarstein Kabinett, knackige Säure, traubige Frucht, Frische, sehr animierend am Gaumen, der perfekte Reparaturschluck – 89/100.
1990 Chateau Rayas ein 100-Punkte-Wein?
Eigentlich war Tanz in den Mai angesagt, aber uns war eher nach kulinarischem Genuss. So schnappte ich mir drei Magnums und ließ den guten Holger im Berens am Kai etwas (sehr) gutes dazu kochen. Den Anfang machte ein gut gereifter, aber immer noch sehr präsenter 1985 Clos du Val Cabernet Sauvignon. Eine alte Ledertasche voller roter Beerenfrüchte und mittendrin ein paar Blätter frische Minze, sehr fein und lang am Gaumen – 93/100. Gut hielt sich in der Großflasche auch ein 1949 Destieux aus St. Emilion, reife, teerige, ledrige Nase, die gute Säure am Gaumen hielt ihn am Leben – 92/100. Aber das war alles nichts gegen diese spektakuläre, außerirdische Magnum 1990 Chateau Rayas Chateauneuf-du-Pape Réservé. Ich gehöre zu den Glücklichen, die diesen Wein schon häufiger trinken durften. Da waren reifere Flaschen darunter und weniger reife, als ob es von diesem Wein zwei Versionen gäbe. Mit 95-98/100 kam der Rayas immer ziemlich groß ins Glas, nur die 100 Punkte waren mir noch nie vergönnt. Und dann kam dazu noch Parkers Aussage, dass dieser Rayas wohl nicht mehr ewig leben dürfte. Da fiel die Entscheidung leicht, doch mal eine der zwei Magnums aufzureißen, die ich vor über 10 Jahren gekauft hatte. Unglaublich, was sich da in der Nase und vor allem am Gaumen abspielte. Jede bloße Aufzählung von Aromen würden diesem explosiven, konzentrierten, druckvollen Wein nicht gerecht werden. Das war mit das beste, was ich in den letzten Jahren am Gaumen hatte. Die 100/100 standen für diese Flasche außer Zweifel. Sie wird in jedem Fall auch Eingang in die überfällige, neue Version meiner Top 100 finden. Und was die Trinkreife angeht, so war dieser Wein zwar voll da, wirkte aber nicht nur in der sehr dichten Farbe noch ziemlich jung. Da könnte ich mir mit der zweiten Magnum sicher noch 10+ Jahre Zeit lassen, aber warum eigentlich?
Die Traube in Grevenbroich
Muss man wirklich am Vatertag besoffen mit dem Bierwagen durch die Lande ziehen, zusammen mit vielen anderen Vätern, von denen die meisten noch keine sind? Anscheinend ja, denn geöffnete Restaurants waren am Vatertag absolute Mangelware. All unsere Klassiker, bei denen wir sonst Sonntags gastierten, telefonierten wir ab, überall Fehlanzeige. Bei manchen lief wenigstens der Anrufbeantworter, bei vielen war einfach kein Anschluss unter dieser Nummer. Da kam dann die rettende Idee. Wie wäre es mit der Traube in Grevenbroich? Die ist Sonntags leider immer zu. Ob die vielleicht an diesem Feiertag, der ja auf einen Donnerstag fiel, offen wäre? Sie war und wir bekamen auch einen Tisch – große Vorfreude!
Seit unfassbaren 48 Jahren existiert sie jetzt, diese Traube in Grevenbroich. Unzählige, romantische Abende habe ich hier verbracht und an vielen, legendären Weinproben teilgenommen. Und jedes Mal natürlich auf höchstem Niveau gegessen. Ein Klassiker ist diese Traube von Dieter und Elvira Kaufmann, seit Jahrzehnten Ziel von Gourmets aus aller Welt.
Wir haben auch diesen Aufenthalt in vollen Zügen genossen. Einfach perfekt diese schnörkellose Hochküche von Dieter Kaufmann, der natürlich wie eh und je selbst am Herd stand. Ambiente und Service waren gleichermaßen perfekt. Und doch war diesmal alles irgendwie anders. Ein Hauch von Wehmut war spürbar. Die Kaufmanns suchen, bisher vergeblich, einen Nachfolger. Die einstmals legendäre Weinkarte wird gezielt abgebaut. Klar sind da immer noch reichlichst Trouvaillen, insbesondere bei den deutschen Klassikern von Haag, Prüm, Egon Müller & Co. Doch man merkt, dass bei jüngeren Gewächsen nur noch das nötigste eingekauft wird. Wir wurden trotzdem gut fündig. Gut gefiel mir der 2001 Hattenheimer Mannberg Erstes Gewächs von Langwerth Simmern, in der mineralischen Nase neben viel Zitrus erste Petrolnoten, am Gaumen straff gewirkt, wiederum sehr mineralisch und immer noch mit rassiger Säure – 89/100. Sehr überzeugend auch ein 2006 Chassagne Montrachet Clos St. Jean von Pillot. Ein sehr delikater Burgunder, nussig, Zitrusfrüchte, gute Säure, spürbares, aber gut eingebundenes Holz – 91/100. Erstaunt war ich danach, wie gut sich jetzt schon der 1996 Lagrange aus St. Julien trinkt. Wunderbar die Nase mit reifen, dunklen Früchten, mit Leder, Tabak und einer feinen Würznote, am Gaumen nachhaltig und mineralisch, dabei aber auch seidig und elegant und mit einer faszinierenden Frische, Präzision und Leichtigkeit – 92/100. 1996 ist ein großer Jahrgang, speziell in Medoc, dessen Weine jetzt in ein erstes Stadium der Trinkreife kommen, allerdings mit langer Zukunft. Und dann erlaubten wir uns noch ein echtes Highlight der Karte, den 1962 Hermitage von Chave aus dem Geburtsjahr der Traube. Das war Faszination pur, reif und doch noch so kraftvoll, Lakritz, leicht animalisch, aber auch mit burgundischer Pracht und Fülle, feine Süße und ein nicht enden wollender Abgang, ein großer Wein mit noch etlichen Jahren, wenn nicht Jahrzehnten vor sich – 95/100. Wäre schön, wenn das auch für die Traube gelte. Wir haben unser hervorragendes Mittagsmenü noch um einige der legendären Kaufmann-Klassiker erweitert, so das einmalige Störparfait und den ganzen Trüffel. Da stimmte vom ersten Gang bis hin zur Patisserie einfach alles. Völlig unverständlich ist mir, wie der Michelin dieser großartigen Küche den zweiten Stern aberkennen konnte. Aber die Irrungen und Wirrungen dieses Führers verstehe ich schon lange nicht mehr.
Eines wurde uns sehr klar. Die Tage der Traube in der heutigen Form sind wohl gezählt. Wer nicht irgendwann mal in den Geschichtsbüchern lesen möchte, was er da großartiges verpasst hat, der muss hin, und zwar bald.
Japanisches Feuerwerk
Das größte Feuerwerk Japans soll es sein, was da japanische Pyrotechniker jedes Jahr zum Japanfest in Düsseldorf abfackeln. Faszinierend ist es in jedem Fall, was da innerhalb von 30 Minuten an den Himmel gezaubert wird und zu zahllosen Aaahs und Ooohhs führt. Den besten Blick auf dieses gigantische Spektakel hat man, wenn man sich unter die vielen hunderttausend Besucher auf den Rheinbrücken oder den beiden Ufern einreiht. Da ergibt sich dann auch die größte Chance auf eine passende Erfrischung von Oben. So richtig stabiles Sommerwetter sieht dieses Fest nämlich nur in Ausnahmefällen. Auch diesmal wurde das Feuerwerk selbst von einigen Schauern begleitet, die sich dann rechtzeitig danach zur Sintflut steigerten. Wie schön, wenn man da ein passendes Dach über dem Kopf hat. Wir gehörten zu den Glücklichen. Schon traditionell verbringen wir die Zeit bis 23 Uhr im Berens am Kai, wo wir es zu Holger Berens spektakulärer Küche auch im Glas kräftig knallen lassen. Wenn man dann gut gesättigt von einer überdachten Terrasse aus mit einem 82er l´Arrosée im Glas den Himmelszauber bestaunen kann, dann hat das was.
Gleich unser erster Wein war ein echtes Highlight. Erstaunlich reif die Farbe des 1990 Les Forts de Latour aus der Magnum, reif auch der Wein, doch ohne jede Schwäche, im Gegenteil, das war reifer, klassischer Latour, trüffelig, die leicht bittere Walnuss, ein Hauch Minze, gute Struktur und endloser Abgang, einfach jetzt auf dem Höhepunkt, wo er sich zumindest in diesem Format noch etliche Jahre halten dürfte, konservative 93/100. Erinnerte mich stark an den Grand Vin aus Jahren wie 1978 und 1983. Ein Les Forts de Latour zur richtigen Zeit getrunken macht für erheblich weniger Geld deutlich mehr Spaß als ein sündhaft teurer Latour zur Unzeit. Und wann ist die richtige Zeit, 1982 La Lagune zu trinken? Aus wärmeren Kellern soll es inzwischen soweit sein. Die Flasche aus meinem kalten Keller öffnete sich nur zögerlich, blieb dabei rustikal, stückweit verschlossen und auch etwas simpel, wir hoffen weiter - 89+/100. Ich halte mich derweil an die derzeit großen La Lagunes aus 70 und 78. Schierer Wahnsinn dagegen ein 1986 Grace Family Vineyard Cabernet Sauvignon, erst vor Kurzem mit viel Glück und noch mehr Geld auf einer Koppe-Auktion ersteigert. Immer noch dichte und recht jung wirkende Farbe, intensive Minznase mit alter Ledertasche, mineralisch, etwas Tabak, aber vor allem auch eine frische, rotbeerige Frucht, die sich am präzisen Gaumen mit guter Säure fortsetzte. Eine wunderbare Melange aus einem Kalifornien Klassiker und einem Grand Puy Lacoste, immer noch erstaunlich frisch und lebendig mit präziser Struktur und guter Länge am Gaumen. Nach 2 Stunden im Glas entwickelte sich dann auch noch massiv Eukalyptus – 96/100. Ließ sich das noch steigern? Ohne weiteres, mit einem 1990 Barolo Monprivato von Mascarello. Was für ein gewaltiger Traumstoff, der mit der herkömmlichen Art von Barolos wenig zu tun hatte. Eher war das die Essenz des japanischen Feuerwerkes. Eine gewaltige Aromenbombe, die am Gaumen knallte, aber gleichzeitig soviel Harmonie, Eleganz und Finesse verströmte, so kraftvoll und trotzdem subtil mit sehr präziser, süßer, generöser Frucht. Was macht einen großen Wein aus? Harmonie, und dafür war das hier ein immer noch jugendliches Musterbeispiel – 98/100. Und kurz nachdem der Korken aus der 1982 l´Arrosée Magnum schwand, sauste die erste Rakete gen Himmel, perfekt begleitet durch diesen kraftvoll-eleganten l´Arrosée, der sich in einer Liga mit den fantastischen Weinen aus 61 und 66 des Gutes bewegt – 95/10.
