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Juni 2010

A U S F L U G   A N   D E N   N I E D E R R H E I N 

Bei herrlichem Wetter bereisten wir Ende Mai den Niederrhein mit dem Fahrrad. Der Niederrhein ist ein echtes Radlerparadies. Nicht nur viele Fahrradwege und beste Beschilderung, auch jede Menge kleine und kleinste Straßen und vor allem die meist geteerten, praktischen Landwirtschaftswege. Wer will, kann da vier Wochen verbringen, ohne zweimal die gleiche Strecke zu fahren. Klar gibt es auch einige, sehr volle Wege, insbesondere entlang des Rheins. Da kommt man sich dann vor wie zu Ferienbeginn auf der Autobahn. Aber sobald man etwas ins Hinterland ausweicht, gehören einem die Wege fast alleine.
Rast machten wir am ersten Tag in Birten bei Xanten in einem Ausflugslokal namens Van Bebber. Große Portionen, flinker Service. Weinkarte? Kommen Sie besser mal mit. Also beguckte ich mir, was da alles Namenloses in einem Kühlfach lag. Ich entschied mich für einen 2008 Weinheimer Mandelberg Weißburgunder Spätlese trocken vom Weingut Fritz Lawall aus Rheinhessen. Der war frisch, fruchtig, nicht aufregend, aber ganz ok – 82/100.
Quartier bezogen wir im Landhaus Beckmann Nähe Kalkar. Aus früheren Zeiten kannten wir das Haus als kuscheliges, sympathisches Fahrradhotel. Inzwischen hat hier nicht nur ein Generationswechsel stattgefunden, das Haus wurde auch komplett saniert und ausgebaut. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr raus, was hier für immer noch relativ kleines Geld geboten wird. Das gilt auch für die Gastronomie. Neben Unmengen Wasser wählten wir nach der Ankunft auf der schönen Terrasse aus der überschaubaren, aber klug aufgebauten, sehr wohlfeilen Weinkarte einen 2007 Riesling S von Poss. Ein wunderbarer Wein mit cremiger Textur und herrlicher Fülle – 90/100. Eigentlich hätten wir dort sitzen bleiben können und haben uns das fürs nächste Mal auch fest vorgenommen. Doch wir hatten ein anderes Ziel gewählt, das besternte Landhaus Köpp in Obermörmter, und Tisch und Taxi waren bestellt. Bei Köpp haben wir schon Dutzende Male hervorragend gegessen. Auch diesmal war die kulinarische Leistung ohne Fehl und Tadel und auf hohem Niveau. Aus dem Staunen nicht mehr heraus kamen wir aber, als wir die Weinkarte sahen. Gehörte die zum Campingplatz nebenan? So etwas Grausames habe ich noch in keinem besseren Haus gesehen. Zur abgegriffenen Optik passte der weitgehend geplünderte Inhalt. Alles, was uns auch nur entfernt interessierte, war entweder ausgetrunken oder überhaupt nicht vorhanden. Ein schöner, deutscher Riesling – Fehlanzeige, stattdessen ein Weißer Burgunder – gab es nicht, anschließend Bordeaux? – nur ein paar überteuerte Leichen aus Unjahren. Na gut, beschieden wir uns dann mit einem blitzsauberen 2006 Leithaberg Weiß von Martin Pasler. Der war etwas seifig in der Nase, am Gaumen aber kraftvoll mit fruchtiger Fülle, mineralisch und mit guter Säure – 87/100. Wir fragten anschließend den Service nach einem wein, der zu den Ansprüchen der Küche passt. Man brachte uns einen 2004 Sauvignon Blanc von Jermann. Bei dem notierte ich nur Großer Name – kleiner Wein. Das können inzwischen andere Winzer für deutlich kleineres Geld besser – 84/100. Als Roten offerierte man uns einen 2004 Luce. Der präsentierte sich recht reif, weich, generös, schokoladig mit feinem Schmelz, aber wenig Tiefgang – 89/100.
Nächstes und letztes Ziel unserer Kurzreise war die Alte Bürgermeisterei in Walbeck. In der Spargelzeit herrscht hier absoluter Hochbetrieb in allen Räumen, und das fast rund um die Uhr. Erstaunlich, dass trotzdem das gastronomische Niveau dieses ambitionierten Hauses gehalten wurde und auch der Service trotz allen Stresses sehr kompetent und freundlich wirkte. Wir haben hervorragend gegessen, nicht nur makellosen Spargel, und uns dazu aus der interessanten Weinkarte des Hauses bedient. Sehr gut gefiel uns ein würziger, nussiger, schmelziger 2004 Meursault vom Chateau de Meursault – 91/100. Ein 2005 Meursault von Jaffelin war leichter, feiner, eleganter – 89/100. Rotwein zum Spargel? Aber ja, geht ähnlich gut wie zu einer gegrillten Seezunge. Hin und weg war ich beim 2000 Domaine de Chevalier, der ab sofort auf meiner Suchliste steht. Sehr fein, nachhaltig und elegant in erster Trinkreife, Cashmere am Gaumen mit wunderbarer Länge – 92/100.



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K L E I N E   7 0 E R   V E R K O S T U N G 

Zwei nette 70er hatten wir an diesem Abend auf der großzügigen Terrasse des Berens am Kai zu Gast. Keine Frage, da mussten auch ein paar anständige 70er ins Glas. Als Begrüßungsschluck und Einstieg fungierte ein 2005 Monzinger Halenberg Großes Gewächs von Schäfer-Fröhlich. Der wirkte undekantiert aus normalen Weißweingläsern noch sehr jung, kompakt, fast etwas bissig mit deutlicher Säure und brauchte viel Luft zur ersten Entfaltung, sehr präzise Konturen und gewaltige Mineralität, ein Wein mit gewaltigem Potential, der wohl erst in ein paar Jahren richtig aufdreht, wenn viele der polierten 2005er bereits das Zeitliche gesegnet haben – 91+/100. Hatte ich vor 1 1/2 Jahren schon mal im Villino. Damals hatte dort Rainer Hörmann den Wein rechtzeitig vorher dekantiert und anschließend in großen Burgundergläsern serviert. Mit damals 95/100 machte das glatt 4 Punkte Unterschied aus. Was lernen wir daraus? (Zu) junge Große Gewächse, wie sie ja leider inzwischen in der Gastronomie die Norm sind, gehören zum großen Genuß erst in den Decanter und dann in große Gläser.
Ein Volltreffer gleich unser erster 70er, der 1970 Vina Real von CVNE. Das war einfach Hedonismus pur, würzige Frucht, Karamell, Korinthen, traumhafte Fülle und reichlich süßer Schmelz, hatte ich noch nie so gut im Glas – 92/100. Die erste Anmutung des 1970 Nalys Chateauneuf-du-Pape war ein alter Keller voller Spinnweben. Viel Zeit und Luft brauchte dieser kräftige, rustikale Wein bis er sich stückweit öffnete und lakritziger und süßer wurde – 89/100. Eleganz pur danach der großartige 1970 Ducru Beaucaillou – 93/100. Je nach Flaschenform lebt dieser Wein bereits gefährlich. Aus dieser hier war er tadellos und erinnerte an vergangene Zeiten. Viel Glück hatten wir auch mit 1970 Lynch Bages, den sowohl riesengroß als auch grottenschlecht kenne. Dieser hier hatte jede Menge Kraft, Körper, Fülle und intensive Minze, ein großer Lynch – 95/100. Den Abschluss unserer kleinen Verkostung bildete ein großartiger 1970 La Tour Haut Brion, Pessac pur mit der klassischen Cigabox-Nase, Kaffee, Teer und immer noch gutem Tanningerüst – 94/100. In diesem Jahrgang gegenüber La Mission und Haut Brion die mit Abstand bessere Wahl.



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S Y L T E R   ( V O R ) F R E U D E 

Bis zum Sommerurlaub waren es noch fast zwei Monate hin. Da musste ich einfach schon mal an einem verlängerten Wochenende Vorfreude auf die schönsten Wochen des Jahres auf meiner Lieblingsinsel tanken. Während der Süden der Republik in gewaltigen Regenmengen absoff, präsentierte sich Sylt von der Schokoladenseite. Sonne pur und ein leichter Seewind bescherten das klassische Champagnerklima, mit dem Durst erst richtig schön wird. Fällt im Sommerurlaub die Auswahl unter den zahllosen Inselrestaurants schon schwer, so gilt das natürlich erst recht bei nur wenigen Tagen.
Nach der Ankunft nutzten wir sofort die traumhafte Nachmittagsstimmung, um auf der großen Terrasse der Kampener Sturmhaube einen Apero zu nehmen. Die Sturmhaube entwickelt sich immer mehr zu einem Hotspot auf der Insel. Die einmalige Lage mit dem weiten Blick über den Norden der Insel und auf beide Meere, die großartige Weinkarte, die fantastische Küche und last not least das motivierte Team. Florian und Björn(hat vom legendären Michael Hamann das Weingeschäft gelernt) aus der Sansibar, Christina, die schon mal unter Markus Semmler die Sturmhaube geleitet hat, Küchenchef Gerhard Diehm, dem die Vogelkoje ihren Ruf verdankte – die Herrschaften hier verstehen ihr Geschäft und wissen, wie man aus Gästen Freunde macht. Verstärkung erhält die Küche in diesem Sommer noch vom ehemaligen Küchenchef des Sölring Hof. Uns hat es aber am meisten der vietnamesische Sushimeister angetan. Was der auf den Teller zaubert, hat hohes Suchtpotential. Und genau zu diesen Sushi genehmigten wir uns erstmal eine Flasche 2007 Grüner Veltliner Honivogl von Hirtzberger. Mit fantastischer, würziger Kraft und Fülle ist der nicht weit weg vom 2006er – 94/100. Kein Wunder, dass die Flasche schnell leer war. So kam dann noch ein 2006 Grüner Veltliner Kreutles Smaragd von Knoll hinzu, sehr fein, kräuterig, elegant und nachhaltig – 93/100. Wir hätten locker bis Sonnenuntergang(um diese Jahreszeit erst gegen 10 Uhr) bleiben können, doch ein Tisch im Fährhaus war reserviert. Auch hier ein traumhafter Blick in abendlicher Stimmung über den kleinen Munkmarscher Hafen aufs Watt. Nichts für Puristen war unser erster Wein, ein 2006 Rüdesheimer Berg Rottland Alte Reben von Leitz. „Kannste nicht trinken, diese polierte Kacke“, würde Hubi Scheidt dazu sagen. Ok, der ist nicht „spontan“ sondern „gezielt“ vergoren, aber das Ergebnis kann sich mehr als sehen lassen. Opulente, dekadente Frucht, unterlegt mit hoher Mineralität und knackiger Säure, einfach ein geiler Stoff, weißer Weinhedonismus pur – 95/100. Meine Damen teilten meine Begeisterung nicht voll. Schon wieder ein Riesling? musste ich mir anhören. Für mich geht halt nichts über einen großen Riesling, während meine Damen zumindest derzeit zur Chardonnay-Fraktion gehören, was sich hoffentlich irgendwann legen wird. Aber so kam dann halt als Zweites etwas nach dem Geschmack meiner Mädels auf den Tisch, ein 2006 Meursault Perrières von Lucien le Moine. Ein brilliant gemachter feiner, würziger, vibrierender Meursault mit wenig Holz, umso mehr Finesse und feinem, süßem Schmelz, der machte auch mich an – 94/100. Voll daneben griff ich dann beim ersten Roten. Der nicht gerade wohlfeile 1997 Bonnes Mares von Comte de Vogüe hatte nur zu Anfang eine betörende, feinfruchtige Nase. Die bekam mit der Zeit immer deutlichere Essignoten. Am Gaumen war der Bonnes Mares deutlich besser, aber auch von etwas zu intensiver Säure dominiert – 89/100. Nach diesem überteuerten Ärgernis gönnten wir uns noch einen 1999 Stags Leap Fay Vineyard. Wunderschön die Nase mit Minze, Eukalyptus, süßer Frucht und Fülle, der Gaumen zu Anfang eher etwas schlank, aber da kam mit der Zeit im Glas immer mehr – 91/100.
Großes Harley-Treffen war zu Fronleichnam auf Sylt angesagt. Zu Hunderten fuhren die mit ihren tuckernden Kisten ohne Unterlass zwischen Hörnum und List hin und her. Wenn´s denn Spaß macht…. Ein Auto mag ja für die An- und Abreise Sinn machen, wenn man Unmengen an Gepäck und dazu drei Kinder und zwei Hunde dabei hat. Wer dann aber das Auto auf der Insel selbst nutzt, dem ist wohl nicht zu helfen. Sylt produziert vor allem in der Hochsaison jede Menge prächtige Staus. Und erkunden lässt sich die Insel ohnehin besser zu Fuß, da ja die traumhaften Sandstrände durchgehend von der Süd- bis zur Nordspitze reichen, oder mit dem Rad. Ich nutze gerne Letzteres, da sich damit auch im dicksten Trubel malerische Stellen erreichen lassen, an denen man die Insel ganz für sich hat.
Wer die Inselgastronomie entspannt erleben möchte, tut das antizyklisch mittags oder am Nachmittag, während die Touristenmassen noch die Strände bevölkern. Entspannt sitzt man dann zum Beispiel auf der Terrasse des Coast in Rantum. Weinfreaks finden hier eine, von Jörg Müllers ehemaligem Sommelier „Hottie“ Höhne klug zusammengestellte, recht umfassende Weinkarte. Wir führten uns als erstes einen 2008 Grünen Veltliner Ried Lamm von Gobelsburg zu Gemüte. Der kam schlank mit Limetten und feiner, kräuteriger Note ins Glas, wo er dann enorm ausbaute. Legt wohl, obwohl er jetzt schon großen Spaß macht, erst in 3-4 Jahren richtig los – 91+/100. Dann wird er vielleicht mal so gut wie der 1999 Grüne Veltliner Kellerberg Smaragd von F.X. Pichler, den wir hier mit irrer Strahlkraft in einer wunderschönen Phase erwischten – 95/100.
Nur durch Zufall entdeckten wir in Westerland ein Lokal, das mich in diesem Sommer häufiger sehen wird. Ivo Köster, Michael Hamanns Weinnachfolger in der Sansibar, hat sich mit dem ehemaligen Retzkes selbständig gemacht. Wie nicht anders zu erwarten, hat Ivo aus dem Stand eine grandiose, spannende Weinkarte gezaubert. In die steckten wir nicht nur tief unsere Nasen, sondern orderten auch etwas Flüssiges. Bestens verwöhnt durch jede Menge Köstlichkeiten aus der ambitionierten Küche genossen wir bei Ivo & Co, so der Name des neuen Lokals, zunächst einen 2006 Ridge Monte Bello Chardonnay. Hatte der wirklich 14,5% Alkohol? Spürbar waren die nicht. Ein eleganter, finessiger Traum-Chardonnay, sehr lang im Abgang, für den sich keine der namhaften Domainen aus Burgund schämen müsste – 94/100. An glorreiche Zeiten, als Kalifornien noch kein Bundesland von Australien war, und die Weine noch Rase und Struktur besaßen erinnerte der 1996 Chateau Montelena. Herrlich saftige, kirschige Frucht, sehr balanciert mit guter Struktur – 95/100.
Natürlich machten wir auch wieder einen Abstecher zu Klaus ins Wiin Kööv in Kampen, längst eines meiner Stammlokale. Hätte ich gerne zuhause um die Ecke, dieses wunderbare Weinlokal. Oder vielleicht besser nicht. Ich könnte sonst gleich meine Wohnung aufgeben und ins Wiin Kööv ziehen. Mit dem 2008 Weißburgunder von Van Volxem traf ich auch bei meinen Mädels ins Schwarze, feine, pikante Frucht, cremige Textur, sehr prägnante Schiefernote, sehr elegant - 90/100. Sehr fein, elegant, fruchtig, nobel, aber auch etwas zurückhaltend auch ein 2009 Schlossböckelheimer Gut Hermannsberg Riesling trocken – 87/100. Das Gut ist die ehemalige Staatsdomaine. Gut trank sich auch ein reifer 1999 Ridge Geyserville, dem natürlich Klasse und Druck eines Monte Bello fehlten – 88/100. Großes Kino als Abschluss ein dichter, zupackender 2001 Barolo Sperss von Gaja, der noch ganz am Anfang einer langen Entwicklung steht – 94+/100.
Ich bin kein großer Fan der Hotelneubauten auf Sylt. Auch das Budersand in Hörnum ist nicht unbedingt mein Ding. Allerdings verfügt es mit seiner Terrasse, von der man direkt übers Meer auf Amrum und Föhr blickt, über einen der schönsten, gastronomischen Plätze der Insel. Die große Küche des Hauses im Kai3, das innerhalb kürzester Zeit bereits den zweiten Küchenchef hat, wird nur abends zelebriert. Doch das, was wir da aus der simpel ausschauenden, kleinen Tageskarte bestellten, war von hoher Qualität. Superb der gemischte Salat, der weitgehend aus Wildkräutern bestand, z.B. aus Gundelrebe, formidabel das Krabbenbrot und perfekt der bissfeste Heidespargel. Aus der sehr umfassenden Weinkarte wählten wir zunächst einen 2007 Morstein Großes Gewächs von Wittmann. Ein brillianter, mineralischer, puristisch schöner und eigenständiger Wein mit reintöniger Frucht und immenser Strahlkraft, noch sehr jung, kann sicher noch zulegen – 93/100. Neugierig machte mich dann der 2007 Riesling Alte Reben 150 Tage von Wittmann. Dieser nicht gerade preiswerte Wein aus der VDP-Versteigerung war in der ersten Anmutung dem Morstein nicht unähnlich, wirkte aber zunächst zurückhaltender und verschlossener. Erst unmerklich und dann immer deutlicher wurde dieser Wein konzentrierter, dichter, engmaschiger, ohne den schwierigen Spagat zwischen Filigranität und Kraft zu verlieren. In der Nase immer mehr reifer Apfel, aber nicht der aus der Supermarkt-Box, sondern von einem alten, knorrigen Baum, der alles in die letzten Früchte packt. Mit diesem tiefgründigen Wein bei herrlichem Sonnenschein übers Meer zu blicken, das hatte was. Und wenn Sie dieses Unikat irgendwo erwischen, bitte nicht in eine Blindprobe unter lauter polierte, üppige Reinzuchtgewächse stellen, da geht er unter. Dieser spannende Wein gehört als Solitär genossen und erschlossen. Es lohnt sich – 96/100.
Kein Sylt-Besuch ohne mindestens einen Abend in Jörg Müllers aufwendig umgestaltetem, sehenswertem Restaurant. Hier begann das übliche, abendliche Spiel. Muss es unbedingt wieder ein Riesling sein? Es musste, hatte doch der Sommelier für mich eine Flasche 2005 Hermannshöhle GG von Dönnhoff aufgehoben. Inzwischen etwas reifer als noch vor zwei Jahren an gleicher Stelle mit dekadent leckerer, süßer, aber auch präziser Frucht und mit unerhörter Mineralität – 95/100. Na gut, ich bestellte zusätzlich noch einen 2004 Newton Chardonnay Unfiltered. Der wurde im direkten Vergleich förmlich demaskiert. Viel Holz vor der Hütte, viel Vanille und sogar exotische Frucht, ein Crowd Pleaser auf hohem Niveau – wenn man die Vanille der Crême Brulée schon bei der Vorspeise im Glas haben möchte – 92/100. Fans – dazu gehören natürlich auch meine Damen – geben mehr. Ladehemmung schien aus der perfekten Müllerschen Lagerung immer noch der 1989 La Fleur Petrus zu haben. Eine gewisse Reife zeigte nur die leicht schweißige Merlotnase, am Gaumen war der Wein sehr jung, kompakt, verschlossen mit etwas Bitterschokolade, aber großes Potential andeutend. In 5-10 Jahren werden das mal 92+/100, wofür ich mir natürlich an diesem Abend nichts kaufen konnte. Deshalb musste es anschließend noch ein göttlicher 1992 Caymus Special Select sein, bei dem alle Wünsche eines Rotweinliebhabers in Erfüllung gingen – 99/100. Blieb zum Schluss noch eine Einzelflasche aus den Tiefen des Kellers, die uns wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte. Der 1966 Mercurey der Domaine des Surmains war sehr reif und hatte sicher schon deutlich bessere Zeiten gesehen. Ausgetrunken habe ich diesen Cocktail aus Liebstöckel und Kaffee nicht – 82/100.
Die herrliche Sonne (und die Sushis) trieben uns am letzten Nachmittag noch mal auf die Terrasse der Sturmhaube. Hier verklappten wir erst einmal einen 2007 Scharzhofberger Kabinett von Egon Müller, traumhaft filigran und balanciert mit feinem Süße-/Säurespiel und intensiver Schiefernote – 90/100. Während ich dann mit dem Rad noch mal den Norden der Insel umrundete, genossen meine Damen in geselliger Runde einen 2007 Tatschler Chardonnay von Kollwentz und einen 2007 Gary Farell Russian River Chardonnay. Dankenswerterweise retteten sie für mich von beiden Weinen jeweils einen Probierschluck. Im direkten Vergleich dieser beiden, modern gemachten Chardonnays lag für mich der etwas extravagantere Farrell(91/100) mit seiner satten, exotischen Frucht und der erstaunlich guten Säure leicht vor dem cremigen, üppigen, kräftigen Tatschler(90/100). Und dann war da noch ein blind servierter 1997 Paradigm Cabernet Sauvignon aus dem Napa Valley. Ich schob ihn erst nach Europa, denn er hatte überhaupt nichts von modernen Kaliforniern, schon gar nicht vom heftigen Jahrgang 97. Vielleicht bekommt er deshalb auch sowenig Parkerpunkte. Ein perfekt gereifter Wein, der gut nach St. Julien passen würde mit Tabak, Zedernholz, etwas Minze, kräuterigen Noten und feiner rotbeeriger Frucht. Erst nach einiger Zeit legte er stärker im Glas zu und war dann – natürlich auch, weil man es inzwischen wusste – schon etwas eher als Kalifornier zu erkennen, allerdings mit starkem Bordelaiser Einschlag – 92/100.
Die Krönung unseres Sylt-Trips war am Abend ein großes Fest mit vielen bekannten Gesichtern von der Insel. Der Dorfkrug feierte 30jähriges Jubiläum. Großer Auftrieb, Bombenstimmung und Jo Bohnsack am Klavier. Und im Glas ein 2009 Siebeldinger Königsgarten Grauburgunder Kabinett trocken aus der Magnum vom Weingut Wilhelmshof. Der war saftig, fruchtig und einfach saugut zu trinken – 87/100. Er erinnerte daran, dass nicht nur für Bordeaux, sondern auch für Deutschland in so einem großen Jahr wie 2009 Trinkspaß nicht auf große, teure Gewächse beschränkt ist. Wer hier gezielt kauft und natürlich vorher ausgiebig verkostet, bekommt für kleines Geld eine Menge Trinkfreude ins Glas.
Ich habe Lust auf Sylt, freue mich auf meinen Urlaub im August. Und wer sich noch etwas mehr Appetit holen möchte, blättert hier in den WeinMomenten jeweils zum August der Vorjahre zurück. Da steht in den Sylter (W)Eindrücken, was es auf dieser schönen Insel jeweils ins Glas gab.



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D R A U S S E N 

Klar nutzten wir, wo immer möglich, die zahllosen Terrassen meiner Heimatstadt Düsseldorf. Vom Feinsten war der Juni hier, trocken, sonnig und ohne die oft ätzene Schwüle des Hochsommers. Spätestens Ende Juni kommt dann der Moment, wo nicht nur die Tage wieder langsam kürzer werden. Es ist dann auch bis Weihnachten plötzlich kürzer als seit Weihnachten. Da gibt’s dann nur eins: raus.

D´Vine

Auf der stets prall gefüllten Terrasse des D´Vine ist es nicht so einfach einen Platz zu bekommen. Da ist Vorbestellung dringend angeraten. Oder man versucht es, wie wir, an einem kühleren Abend. Zu hervorragender Küche starteten wir mit einem 2005 Idig GG von Christmann aus der Magnum, ein saftiges Prachtstück mit sehr präzise Konturen, fruchtigem Schmelz und viel Tiefgang, trinkt sich traumhaft schön und hat, zumal aus der Magnum, noch Potential für lange Jahre – 94/100. Der 2006 Puligny Montrachet Les Combettes von Jacques Prieur war ein sehr gelungener, spannender Combettes, offen und zugänglich mit feinem Schmelz, aber auch kräuterigen Noten, sehr mineralisch, dazu etwas Anis und Lakritz – 91/100. Nicht entgehen ließen wir uns die letzte Flasche 1999 Angelus. Der hat sich gut gemacht, wirkt immer noch sehr kräftig mit gutem Tanningerüst - 90/100, könnte in 5 Jahren noch 1-2 mehr bringen

Mönchenwerth

Einer der schönsten Draußen-Plätze im Großraum Düsseldorf ist die direkt am Rhein gelegene Terrasse des Landhauses Mönchenwerth. Richtig lauschig ist es hier unter hohen Kastanien, gegen deren Hinterlassenschaften, auch die der Vögel, eine große Markise schützt. Küchenchef Guy de Vries ist derzeit in Hochform, die Weinkarte gastfreundlich kalkuliert und gut zusammengestellt. Wir starteten zu einem großen Menü mit einem 2007 Grünen Veltliner von Martin Pasler, sehr lecker, aber auch etwas rustikal und burschikos – 88/100. Gut auch der 2007 Meursault Jobard-Morey, aber da denken wir doch mit etwas Wehmut an 2005 – 87/100. 2000 Haut Batailley hatte eine gute Struktur, war kräftig, am Beginn der Trinkreife, baute gut im Glas aus, sehr mineralisch, Tabak – 90/100. Als Abschluss kam 2003 Pontet Canet mit Pracht und Fülle ins Glas, kann das Jahr nicht verleugnen mit etwas praller, aber schöner, marmeladiger Frucht, sehr zugänglich und voll da, ist aber gut gemacht und hat erstaunlich viel Substanz– 92/100. Ausgiebig noch mal an gleicher Stelle beim Spiel Deutschland-England nachverkostet. Mit einem großen Schluck Pontet Canet im Glas waren die Tore gleich doppelt so schön.

Regalido

Natürlich führte uns das schöne Wetter auch wieder zweimal auf die gemütliche Terrasse des Regalido in Meerbusch-Strümp. Hier starteten wir mit einem 2007 Chateau Reynon von Denis Dubordieu. Ein sehr fruchtiger, duftiger, eleganter, leichter Wein mit den klassischen Holunder- und Stachelbeeraromen – 86/100. Kraftvoll und sehr lang mit pfeffriger Würze und reifer, gelber Steinobstfrucht der 2007 Grüne Veltliner Alte Reben von Weinrieder, am Gaumen erdig-mineralisch mit markanter Bitternote im Abgang, die heftigen 14% Alkohol gut verpackt – 91/100. Zu junge Reben, zuwenig Druck, aber gute Anlagen, notierte ich beim 2007 Freiburger Kapellenberg von Landmann, einer Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Merlot. Mit weiterer Klimaveränderung und älteren Reben kommt da demnächst mal mehr als die heutigen 87/100 ins Glas. Den Abschluss bildete ein prächtiger 2002 Smith Haut Lafitte. Der präsentiert sich jetzt trotz noch sehr dichter, dunkler Farbe trinkreif und zugänglich mit schöner Frucht, druckvoller Aromatik und guter Länge, ein mineralischer, modern vinifizierter Wein, der jetzt und in den nächsten 5-10 Jahren großen Trinkspaß bereitet – 92/100.
Beim zweiten Besuch widmeten wir uns Weinen von Dreissigacker. Der 2007 Höllenbrand Riesling aus der Magnum war cremig, füllig und erstaunlich reif mit reifer, weicher Säure – 90/100. Eine deutliche Spur darüber der 2005 Hasensprung Riesling, ebenfalls mit cremiger Textur, aber mit mehr Spannung und Komplexität, knackigere Säure – 91/100. Jünger, straffer, mit reifer Aprikose, Birne, feinen Kräutern, für den Jahrgang erstaunlich reifer Säure der gut gelungene 2008 Hasensprung Riesling – 90/100. Fein, schmelzig mit viel Honig, aber auch langweilig als Abschluss die 2007 Riesling Auslese – 87/100.

Bellevue

Mit Blick auf das historische Kaiserswerth liegt auf der anderen Rheinseite das Rheinhotel Meerbusch. Auf seiner geräumigen Terrasse kann man sowohl aus der Karte der Orangerie, als auch aus der des ambitionierteren Abendrestaurants Bellevue wählen. Wir taten Letzteres. Die Weinkarte fanden wir nicht sonderlich spannend. Die erweckte den Eindruck, als sei sie komplett von einem Großhändler als Lieferant bestückt worden. Na gut, probierten wir also mal einen australischen Wein, den 2005 Wally White The Islander Estate Vineyard aus Kangoroo Island in Südaustralien. Diese überraschend schön zu trinkende Cuvée aus Semillon und Viognier ähnelte geschmacklich einem guten Puligny, mineralisch, geröstete Haselnüsse, aber auch deutliche Barrique- und Vanillenote, kräftig, nachhaltig, aber nicht überladen mit erstaunlicher Frische. Ein modern vinifizierter, aber sehr gut gemachter Wein – 92/100. Und weil es so schön war, wählten wir danach den 2004 Yakka Jack aus gleichem Hause, eine Cuvée aus Cabernet Franc und Sangiovese(!), für Australien wohl eher ungewöhnlich. Der erste Schluck war mit seiner druckvollen Aromatik, seiner Pracht und Fülle sehr spannend. Dabei hätte ich es bewenden lassen sollen. Dieser Wein mit seiner bereits erstaunlich reifen Farbe wurde mit der Zeit immer üppiger, langweiliger, süßer, vanilliger und irgendwo auch etwas nuttig und aufdringlich. Sicherlich ein perfekter Probenblender und Journalistenwein(einen großen Schluck nehmen, wieder ausspucken und dann einen halbseitigen Artikel schreiben). Aber den als Begleiter eines Menüs oder gar eine ganze Flasche alleine zuhause? Nur als gelungenen Startschuss zu 4 Wochen alkoholfrei – 86/100.

Saittavini

Zu gerne und sehr häufig sind wir bei unserem Freund Michelangelo Saitta. Hier ist immer pralles Leben angesagt. Zum Bersten voll ist der Laden stets, aber die superfreundliche, gelassene, italienische Servicecrew macht alle Gäste glücklich, der umtriebige Chef sowieso. Besonders angetan hat es uns die sommerliche Terrasse, die jedes Kino ersetzt.
Unerschöpflich der große Weinkeller. Und doch hatte ich kürzlich eine eigene Flasche mit. Michelangelo hatte Geburtstag, und ich brachte zu unserem gemeinsamen Mittagessen einen 1962 La Conseillante aus seinem Geburtsjahr mit. Der war sehr reif, auch in der Farbe. Wunderbar die Nase mit Schokolade, Trüffeln, Waldboden, Champignons und leichten, balsamischen Noten, am Gaumen weich mit deutlicher Säure, sollte in den nächsten Jahren getrunken werden – 92/100.
Auch während des großen Saittafestes waren wir in ständig wechselnder Belegschaft im Saittavini und verbrachten hier einen sehr kurzweiligen Nachmittag und Abend. Dabei ließen sich natürlich eine Menge unterschiedlicher weine probieren. Kräftig, aber auch etwas hohl und für den großen Jahrgang eher enttäuschend wirkte ein 2006 Achleiten Riesling Smaragd von Rudi Pichler – 87/100. Da gefiel uns der pfeffrig-würzige und trotz bescheidener 12,5% Alkohol sehr extraktreiche 2008 Grüne Veltliner Federspiel des gleichen Erzeugers deutlich besser – 89/100. Apropos Federspiel, wer früher gerne Smaragde aus Österreich getrunken hat und die heute zu dick und überladen findet, sollte den Federspielen eine Chance geben. Die besseren davon liegen mit deutlich bescheideneren Alkoholwerten aromatisch dort, wo vor vielen Jahren die Smaragde lagen. Voll auf dem Punkt war ein 1997 Col Solare. Weiche, schmelzige, ledrige Aromatik, Bitterschokolade, Tabak, Kaffee, etwas Rumtopf, recht lang am Gaumen – 92/100. Zu reif und überaltert wirkte dagegen ein 1999 Brunello di Montalcino von Siro Pacenti – 87/100. Der 1999 Lupicaia wirkte wie ein jugendlicher Col Solare mit Turbolader – 93/100. Schon mehrfach auf diesem Niveau getrunken, jede Suche wert. 1998 L´Apparita wirkte bissig und verschlossen mit massiven Tanninen. Baute im Glas etwas aus, aber braucht bis zu echter Trinkreife sicher noch 5+ Jahre – 90+/100. Voll da hingegen der 2004 Barbaresco Gallina von La Spinetta. Ein faszinierendes Aromenbündel, dicht, kräftig, würzig, komplex, aber auch mit süßer Frucht, für uns alle der Wein des Tages – 94/100. Zum Abschluss dann ein 2006 Uhlen R Auslese von Heymann-Löwenstein, die sich hervorragend präsentierte, Süße, Fülle, Honig, der große Kräutergarten und gute, reife Säure – 93/100.

Und wie bekommt man so viele Weine ins Glas? Saufen bis der Arzt kommt? Bewahre, das erspare ich mir. Gerade habe ich wieder die häufige, mehrtägige, alkoholfreie Pause hinter mir. Aber es gibt ein paar simple Tricks, wie man die Vielfalt im Glas erhöhen kann, ohne die Menge zu steigern:in größerer Gruppe ausgehen, zu Viert statt zu Zweit macht schon eine Menge ausdavon nehmen wir noch Eine? Eben nicht. 1989 Haut Brion zu € 185.- würde ich auch nachbestellen bis zum geht nicht mehr, aber ansonsten bestelle ich keinen Wein zweimal, lieber wird variiert, etwas anderes probiertdem Sommelier oder Wirt ein Glas abgeben. Meist revanchieren die sich mit einem anderen, spannenden WeinUnd nicht selten entsteht Kontakt zu einem anderen Tisch mit Weinliebhabern. Da gehen dann auch schon mal Gläser hin- und her



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1 9 8 6   &   C O 

Übernächsten Montag kommen ein paar Jungs mit 86 Mouton und Lafite, bist Du dabei? So Toni Askitis vom D´Vine. Klar war ich dabei, nicht wissend, dass ich den 86er Mouton binnen 10 Tagen jetzt gleich dreimal ins Glas kriegen sollte. Mit einem 86 Haut Brion bewaffnet machte ich mich dann am Tag des Geschehens auf zu einer Probenrunde, die ich in dieser Zusammensetzung noch nicht kannte.

Quasi als Begrüßungsschluck tranken wir eine Magnum 2007 Halenberg - R – von Emrich-Schönleber. Natürlich war das reinster Babymord. Dieser halbtrockene, große Wein hat noch eine lange Zukunft vor sich. Wer sich beherrschen kann – wer kann das schon – trinkt in erst in 5+ Jahren. Cremiger, eleganter, feiner als der 2006er ist das ein sehr konzentrierter, komplexer, faszinierender Wein, der dann in Proben und als hochwertiger Essensbegleiter brillieren wird – 91+/100 mit reichlich Potential nach oben.
Erster Rotwein war ein prächtiger 1979 Margaux. Kein Hammerwein, eher schlank, sehr fein, elegant und seidig mit pikanter, rotbeeriger Frucht, durch die gute Säure immer noch frisch wirkend, gute Länge am Gaumen, einfach komplett und harmonisch wirkend, Margaux pur – 93/100.
Zu unserem ersten Gang gehörte aber eigentlich ein Wein mit Restsüße. Und da sich die Runde nicht entscheiden konnte, tranken wir von der Karte gleich zwei JJ Prüm Jahrgänge. Die 1999 Wehlener Sonnenuhr war zum jetzt trinken der deutlich schönere, komplettere und reifere Wein, immer noch mit knackiger Säure, aber auch mit deutlicher Boytritis und schöner Süße – 93/100. Noch sehr jung und dadurch etwas schlank und verhalten wirkend mit dem deutlichen Hefeton junger Prüms die 2004 Wehlener Sonnenuhr Auslese – 91+/100.
Nicht nur zwei unterschiedliche Weine und Jahrgänge hatten wir danach im Glas, auch zwei unterschiedliche Weinstile. Sehr modern vinifiziert, international und exotisch wirkte der 1995 Leoville las Cases mit üppiger Frucht und weichen Tanninen am süßen Gaumen, beileibe kein schlechter Wein, aber mir fehlt doch die präzise Art früherer Weine dieses Gutes – 94/100. Grund ist nicht nur ein leichter Stilwechsel des Gutes, sondern auch das opulentere, fruchtbetontere Jahr. Ganz anders die 1996 Pichon Comtesse, bei der man deutlich die Rasse und Frische des Jahrgangs 96 spürt, ein vibrierender, spannender Wein mit purer, präziser Frucht. Da macht jeder Schluck Lust auf den nächsten – 96/100.
Ob bei 1986 Cheval Blanc noch Hoffnung besteht? Die Nase mit dem typischen, verführerischen Cheval Blanc Parfüm hat er ja, aber am Gaumen ist da derzeit eher Paprika statt Seide. Bleibt die Hoffnung, dass dieser kräftige, konzentrierte Wein irgendwann innerhalb der nächsten 20 Jahre noch die Kurve kriegt – 90/100. Ganz anders 1986 Haut Brion, der sich mit faszinierenden, teerigen Cigarbox-Aromatik erstaunlich offen und zugänglich präsentierte und viel Trinkspaß bot. Gut verpackt sorgt bei diesem Wein allerdings ein strammes Tanningerüst nicht nur für ein langes Leben, es gibt auch die Chance, dass dieser Wein noch weiter zulegt – 95/100.
Ein Pferd mit Sattel hatten wir beim leicht animalischen 1986 Gruaud Larose im Glas, hohe Mineralität, Zedernholz, pure Frucht und immer noch zupackende, leicht bissige Tannine. Ein Wein mit viel Zukunft, der mal zum 82er aufschließen kann und unter den großen 86ern wohl mit das beste Preis-/Leistungsverhältnis besitzt – 95+/100.
Als Pirat wurde dann ein überraschend schöner 1988 Tignanello eingeschoben. Immer noch gute, schwarzkirschige Frucht, Tabak, Trüffel, Schokolade, Korinthen, erdige Töne, erstaunlich frisch, lang und komplex, kein Zeichen von Müdigkeit – 94/100. Eigentlich nicht verwunderlich, denn während viele der modernen Italiener schon recht bald abnippeln, beweisen viele Weine aus diesem vielleicht letzten, großen, klassischen Jahrgang ein erstaunliches Standvermögen.
Und dann kam mit dem letzten, offiziellen Flight (ich bin dann sofort Richtung Bett, die anderen mussten wohl am nächsten Tag nicht arbeiten) zumindest der Höhepunkt für Etikettentrinker. 1986 Mouton Rothschild war ein geiles, blutjunges Konzentrat mit sehr dichter, jugendlicher, undurchsichtiger Farbe, die auch vom 2006er stammen könnte. Klar ist der schon sehr Mouton, Cassis pur, eine ganze Bleistiftfabrik und eine Kürschnerei, frischer Espresso, Tabak, sehr würzig mit geballter, druckvoller Aromatik am Gaumen und natürlich massiven Tanninen für 50 weitere Jahre. Wer davon eine Kiste hat, sollte jetzt anfangen, alle zwei Jahre eine Flasche zu trinken. Mit der ersten ist er dann bei unseren, heutigen 97+/100, mit den letzten dreien erlebt er dann die Wiedergeburt des 45ers mit 100/100. Eine Weinlegende und einer der größten Weine unserer Zeit. Ob der 1986 Lafite Rothschild da jemals hinkommt? Derzeit ist das ein brachialer, brutaler Wein, verschlossen, bissig, konzentriert, am Gaumen und im Abgang spürt man das gewaltige Potential, während sich die Zunge unter der Last der Tannine kringelt – 92++/100. Beide Weine würde ich gerne noch mal an einem Montagabend im Juni 2030 trinken. Einen Mouton hebe ich dafür auf, für den Lafite könnte Toni ja einen Chinesen einladen.



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