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Richters Magnum Raritäten

Was für eine Probe! 24 großartige, reife, authentische Magnums warteten auf der Farnsburg auf uns. Kein Wunder, dass dieser Event nach dem außerirdisch guten, letztjährigen Event in Windeseile ausverkauft war. Wer lässt sich solch einmalige Gelegenheiten schon freiwillig entgehen.

Mit prächtigem Sonnenschein empfing uns die in etwa 700m Höhe malerisch gelegene Farnsburg. Was wie ein schöner, gemütlicher Landgasthof aussieht, ist eher ein gigantischer Weinkeller mit angeschlossener Weintankstelle. Unglaublich, was da in den Tiefen dieses Kellers so alles zu sehr trinkfreundlichen Preisen schlummert. Klar war da der schon auf der Fahrt gereifte Wunsch nach einem großartigen Apero da. Während man in den meisten Schweizer Lokalitäten froh sein kann, wenn es überhaupt eine Flasche des sehr raren Gantenbein Chardonnay gibt, so hat man auf der Farnsburg sogar noch die Qual der Wahl. Soll eine 1tel sein, oder sogar eine Magnum? Und welcher Jahrgang darf es bitte sein? Ich entschied mich für eine Magnum 2006 Gantenbein Chardonnay. In diesem Jahr hatten die Gantenbeins großartigen Wein auf die Flasche gebracht, der lange zur Entfaltung brauchte und immer noch Potential für lange Jahre hat. So auch dieser göttlich, immer noch so junge Chardonnay, für den sich in Burgund auch größte Namen nicht schämen müssten. Enorme Kraft, Tiefgang und Länge, dazu erster, feiner, burgundischer Schmelz – WT95+.

Eigentlich sind die Bordeaux aus 1928 unkaputtbare Monumente, die ihre Besitzer in den ersten Jahrzehnten sicher zur schieren Verzweiflung getrieben haben. Auch dieser sehr kräftige, rustikal wirkende 1928 Beychevelle war noch geprägt von massiven Resttanninen und öffnete sich nur zögerlich im Glas, zeigte dabei immer noch eine erstaunliche Frische. Vielleicht hätte man diesen Wein deutlich länger dekantieren müssen. Ich kenne ihn erheblich besser – WT88. Jahrgangstypisch war der 1929 Beychevelle zwar reifer mit leicht trüber Farbe, aber auch eleganter und feiner. Entwickelte eine Süße im Glas und war sehr balanciert mit guter Säure – WT93. Ob ich bei beiden Weinen zu geizig war? Vielleicht lag es auch am Superstar im dritten Glas. Dieser 1929 Domaine de Chevalier war aromatisch eine geradezu irre Kombination aus reifem Pessac mit viel Cigarbox, einem jungen Kalifornier mit wilder Brombeere und reifem Burgunder mit generöser, feiner Süße, dabei extrem stimmig und einfach nur perfekt – WT100. Domaine de Chevalier hat einfach in 1928 und 1929 die mit Abstand besten Weine in der Geschichte des Gutes gemacht. Ich erinnere mich noch gut an zwei eigene Proben. In der einen ging der 28er 1998 mit Kraft und würziger Exotik als großer Heitz Martha´s aus den 70ern durch. Ein Jahr später war der 29er auf Augenhöhe mit dem legendären 1929 Haut Brion. Seitdem suche ich vergeblich diese Weine. Das ich diesen Wahnsinnsstoff jetzt hier und heute noch mal aus der Magnum ins Glas bekam, das war alleine schon die Reise in die Schweiz wert. Dürfte ich dann, lieber Jürg Richter, für das nächste Jahr freundlicherweise um den 28er aus der Magnum bitten? Dann trinke ich auch gerne freiwillig wieder diesen belanglosen 1934 Haut Simard aus St. Emilion mit seiner staubigen Eleganz und dem trotz dezenter Süße laktischen Gaumen – WT87. Gehört übrigens heute zu Ausone.

Lucky me durfte die nächsten beiden Magnums schön häufiger trinken. Stets war dabei der Talbot gegen Gruaud nur zweiter Sieger. Heute war es genau andersrum. Der 1945 Gruaud Larose war ein gewaltiger, im besten Sinne kerniger Wein mit enormer Kraft, generöser Süße, ein gewaltiges Konzentrat mit noch viel Zukunft, sehr komplex mit enormem Tiefgang, und doch – Jammern auf sehr hohem Niveau – sang er nicht richtig. Das war diesmal wohl nicht die allerbeste Flasche – WT96. Der 1945 Talbot wirkte im direkten Vergleich viel feiner, eleganter, und ausgeglichener als der Gruaud. Ein großer, perfekt gereifter St. Julien, voll auf dem Punkt, so stimmig mit feiner, rotbeeriger Frucht, da hing jetzt wieder der Weinhimmel voller Geigen – WT98. Nichts schön zu reden gab es bei 1934 Latour. Das war nie ein großer Wein, auch wenn Latour draufsteht. Da half auch die Magnum nicht. Und vom Niedrigen Niveau war er jetzt auch noch auf dem Abstieg. Ein richtiger Schnelllehrgang für Etikettentrinker – WT80. Da war der 1952 Latour aus einem zu Unrecht oft übersehenen Jahrgang schon ein ganz anderes Kaliber. Kein Charmeur zwar, aber ein kräftiger, maskuliner Latour mit noch deutlichem Resttannin, sehr mineralisch mit dem Bleistift von Mouton, immer noch pfaumige Frucht, dazu Tabak und altes Sattelleder, aber auch die typische, leicht bittere Walnussaromatik spürbar. Da besteht keine Eile, dieser Latour macht es noch länger – WT94.

Als „Zwischengang“ kam dann jetzt als sogenannter Tischwein ein 1981 Margaux aus der Doppelmagnum. Wirkte aus dem Grand Format noch so jung und frisch. Feinduftig und aromatisch mit Cassis, schlank mit noch deutlichen, leicht bitteren Tanninen, etwas flüchtige Säure, aber auch verhaltene, seidige Eleganz verströmend. Wirkte wie sein eigener Zweitwein, war aber gut zu trinken – WT90. Warum gibt es diese Tischweine? Bei diesen hochkarätigen, bezahlten und meist nicht gerade billigen Proben wird in der Regel mit 16-20 Gläsern pro Flasche kalkuliert, bei Magnums mit der entsprechend doppelten Anzahl. Und immer höher wird die Anzahl derer, denen die Probe eigentlich zu teuer ist, aber nach dem Motto „Dabei sein ist alles“ trotzdem kommen möchten und sich mit jemandem ein Glas teilen. Das ist schon heftig, ein 40tel einer Flasche oder ein 80tel einer Magnum zu bekommen. Hauptsächlich für all diejenigen, an deren Gaumen dann nur vereinzelte Weinmoleküle vorbeiflutschen, gibt es dann halt diese Tischweine. In der DDR hieß so etwas früher Sättigungsbeilage.

Eigentlich war jetzt 1925 Haut Brion aus dem in Bordeaux grauenhaften Jahr mit dem Sommer ohne Sonne vorgesehen gewesen. Aber beide Magnums hatten sich beim Dekantieren als perfekte Repräsentanten dieses Schrottjahrgangs entpuppt. Da ist es dann sehr angenehm, wenn der Gastgeber sich als solcher versteht und wie bei der lieben Elke einen großen Keller mit Alternativen zur direkten Verfügung hat. Quasi von der Ersatzbank kam deshalb ein sehr gelungener 1948 Beychevelle aus einer perfekten OHK Ex-Chateau ins Glas. Der war überraschend gut. Aber was heißt hier überraschend? Nur weil 1948 damals zwischen den beiden Superjahren 1947 und 1949 unterging, heißt das noch lange nicht, dass da nicht auch gute und vor allem erstaunlich langlebige Weine erzeugt wurden. Dieser Beychevelle ähnelte in seiner feinen, eleganten, filigranen Art auf etwas niedrigerem Niveau dem 45er Talbot. Betörende Frucht, feine Würze, gute Säure, machte einfach Spaß – WT95. Angeblich baute er nach einer halben Stunde ab (René Gabriel), aber da war mein Glas längst leer. Bei unserer Magnum Best Bottle im letzten September hatte uns Jörg Richter mit einer schlichtweg sensationellen 1953 Haut Brion Magnum verwöhnt. Das hier war die Zwillingsflasche. Einsame Klasse! Haut Brion vom Allerfeinsten, nicht wie die Bombe aus 1989, eher so ein klassischer Vorläufer des 90ers. Natürlich mit der typischen Pessac Aromatik, mit reichlich Cigarbox, Tabak, ätherischen Noten und teeriger Mineralität, aber alles so elegant, so fein und stimmig, auch am Gaumen ein perfekter Schmuse-Haut Brion zum Verlieben – WT100. Sehr dicht die Farbe des robusten, kräftigen, immer noch leicht wilden 1948 La Mission Haut Brion, in der Nase Storcks dunkle Riesen im Schokomantel, Fernet Branca, Minze, Kräuter und sogar etwas Eukalyptus wie beim 78er. Ein enorm dichter La Mission mit gewaltiger Länge, der noch Potential für etliche Jahre hat – WT96. Was soll ich zu 1961 La Mission Haut Brion sagen? Diesen Wein aus einer perfekten Magnum trinken zu dürfen, das ist wie Oster, Weihnachten und Geburtstag zusammen. Noch so jung in der Anmutung, da stimmt von der traumhaften Pessac-Nase über den druckvollen Gaumen bis zur irren Länge einfach alles – WT100.

Ein Wahnsinnsflight war das, für den alleine die Anreise schon dreimal gelohnt hat.

Sicher nicht die beste Flasche war 1953 Cheval Blanc. Schon die viel zu dunkle, undurchsichtige Farbe zeigte, dass hier viel Oxidation im Spiel war und der Wein aus dieser Flasche seine Zukunft längst hinter sich hatte. Klar bäumte er sich zwischendurch noch etwas auf, ließ die Cheval-typische Eleganz spüren, aber das war es dann leider auch – WT88.

Nur kurz zum Thema Oxidation und wie man sie vorher erkennt. Eine sehr dichte, ins Schwarze gehende Farbe ist bei älteren Weinen ein ziemlich sicheres Zeichen für einen oxidierten Wein. Jetzt gibt es einen einfachen Trick. Eine starke Lichtquelle, z.B. eine gute Taschenlampe hinter den Wein halten. Sehen Sie jetzt ein schönes Rot oder zumindest einen roten Kern, dann ist Entwarnung. Sehen Sie dagegen nichts, dann haben Sie einen oxidierten Wein vor sich. Empfiehlt sich in jedem Fall als Veranstalter vor einer Probe, um Enttäuschungen zu vermeiden. Und da es wohl selbst Auktionshäusern zu mühsam ist, sollten Sie, bevor Sie auf ältere, teure Flaschen bieten, entweder darauf bestehen, dass dieser Test gemacht wird, oder die Flaschen selbst vor der Auktion in Augenschein nehmen.

Ein enormes, immer noch so junges Kraftpaket war der von der deutlichen 59er Säure geprägte 1959 Margaux. In der Nase spürte man das heiße Jahr. Am sehr druckvollen Gaumen war erste, feine Süße spürbar. Sicher ein Wein mit noch langer, großer Zukunft. Wenn dann irgendwann auch noch der Margaux-Charme nachgeliefert wird, gibt´s noch mehr als die WT96+. Ziemlich hinüber war leider der 1947 Lynch Bages, der in der säuerlichen Aromatik eher an überlagerten Joghurt erinnerte als an großen Rotwein. Ein perfekter Traum in Minze war dafür 1955 Lynch Bages, der in dieser Form auch aus einem der großen Kalifornien-Jahre aus den 70ern hätte stammen können. Noch so präsent und voll da, Lynch Bages geht kaum besser – WT97.

Erstaunlich vital noch mit ziemlich junger Farbe der 1960 Vega Sicilia Unico mit feiner Kaffee-/Kräutermischung in der Nase, am Gaumeb gute Mineralität, viel Druck und kräftige Säure – WT95. Wird sicher noch länger halten, aber nicht mehr zulegen. Immerhin für alle in diesem schwierigen Weinjahr Geborenen eine tolle Alternative. Einer der Stars der Verkostung hätte der 1968 Vega Sicilia Unico sein können, den ich zuletzt 2011 und 2015 mit WT99 im Glas hatte. Diese Flasche hier war leider hin. Erstaunlich dagegen der immerhin trotz des sehr miesen Jahres noch mit Anstand trinkbare 1935 Haut Brion, bei dem die Nase mit Himbeere und Malaga besser war als der monolithische, metallische Gaumen – WT87. Absoluter Star dieses Flights war aber 1945 Leoville Barton, die Zwillingsflasche der Reserveflasche, mit der uns Jörg Richter auf der Magnum Best Bottle überrascht hatte. Das war wieder so ein unsterblicher 45er mit dichter, dunkelbeeriger Frucht, altem Leder, sehr mineralisch, mit enormer Kraft, Struktur und Länge, aber auch mit der generösen Süße eines gereiften Bordeaux – WT97.

Für alle, die immer noch halbwegs gerade stehen konnten, gab´s dann noch einen Tischwein, 1998 Hermitage la Chapelle von Jaboulet-Ainé aus der Doppelmagnum. Der zeigte sich in überraschend schöner, bestechender Form mit dunkler Frucht, viel Lakritz, Schwarzen Oliven und Leder in süßer Fülle, jetzt auf dem Punkt – WT95. Da hatte man wohl für die Großflaschen das beste Faß aufgehoben.

Und damit kamen wir zum edelsüßen Abschlussflight, der Spezialität und großen Liebe unseres Gastgebers. Nur die tiefgüldene Farbe zeigte beim 1934 Doisy Daene das Alter. Ansonsten wirkte er deutlich jünger und dabei so fein, so elegant mit wohl dosiertem, süßem Schmelz, einfach genial – WT96. Trotz reichlich Fülle, Süße und Kraft kam da der etwas eindimensionale 1947 Coutet nicht mit – WT94. Ein großartiges Dessert für sich war der 1971 Coutet Cuvée Madame mit feinsten Confiserie Pralinen, mit Crème Brulée, mit unglaublicher Fülle und verschwenderischer Süße – WT97. Absoluter Star und spektakulärer Schlusspunkt der Verkostung war aber der 1946 Toro Albalá Don PX Convento Seleccion, eine Art Strohwein aus in der Sonne getrockneten Perdo Ximinez Trauben. Keine 1000 Flaschen gibt es von diesem, erst 2011 abgefüllten, superdichten, fast schwarzen Elixier. Startete oxidativ und extrem konzentriert mit erstaunlich floraler Nase. Doch mit etwas Luft ging die Post ab, ein Pfauenrad an sich ständig ändernden Aromen, wurde immer dichter und cremiger zugleich, knallte richtig am Gaumen – WT99. Ein Glas davon macht richtig glücklich. Ein zweites davon würde wohl eher satt machen. Das dritte nähme ich dann nur noch gegen Bezahlung.

Die nächste Magnum Raritäten Degustation ist für den 14. 4.2018 angesetzt. Selbst wenn sie ausgebucht sein sollte, empfiehlt sich ein Platz auf der Warteliste.

Und was sich natürlich auf empfiehlt, ist ein durstiger Besuch auf der Farnsburg. Was da zu äußerst trinkfreundlichen Preisen im riesigen, frei begehbaren Keller liegt, ist für Wein Afficionados wie ein riesiger Spielzeugladen für Kids. Da lässt sich in kleiner Runde spontan eine geniale Probe organisieren.