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Lynch Bages Probe

Lynch Bages Probe

Als „Mouton für Schlaue“ wird Lynch Bages auch bezeichnet. Wird er dieser Rolle gerecht? In einer Vertikale mit 16 Jahrgängen haben wir die Qualität der Weine von Lynch Bages überprüft.

Mit einem 2005 Egly Ouriet Grand Brut starteten wir in den Abend. Der war nicht nur in der Farbe deutlich reifer und fülliger als der 2004er des Gutes. Mit wunderbarer Aromatik, aber ohne großen Tiefgang, zeigte er sich jetzt auf dem Punkt mit viel Trinspaß, der aber schon in wenigen Jahren aufhören dürfte – WT93.

Und dann starteten wir mit den Lynch Bages. Eine wichtige Vorbemerkung zu den Weinen, die wir an diesem Abend verkosteten. Mein Freund Bernd, dem wir diese großartige Probe verdankten, hatte fast alle Weine in Subskription gekauft und perfekt mit etwa 10-11 Grad gelagert. Außer 1955 natürlich, da reichte damals das Taschengeld noch nicht, oder 1970. Solche Weine verkosten sich natürlich anders und zeigen sich deutlich langlebiger und jünger als Wandertrophäen, Dachbodenfunde oder schlecht gelagerte Gastroweine.

Der 1955 Lynch Bages ist und bleibt wohl noch für einige Zeit ein großartiger Klassiker. Tiefes Dunkelrotbraun, sehr ledrig die anfängliche Nase, wurde mit der Zeit immer minziger und zeigte noch erstaunliche Frische, auch am Gaumen sehr nachhaltig, entwickelte immer mehr feinen Schmelz – WT96. Den 55er würde ich heute immer noch bedenkenlos nachkaufen, allerdings nur aus nachgewiesener, sehr guter Lagerung. Auf gleichem Niveau wie die Chateauabfüllung ist die meist noch etwas preiswertere Barrière-Abfüllung. Nicht in bester Form war der sonst eigentlich meist interessante 1970 Lynch Bages, den ich mehrfach schon mit WT95 im Glas hatte. Aber hier startete er mit leicht staubiger Eleganz in der Nase und wirkte monolithisch und etwas stahlig am Gaumen. Eine der Ursachen könnte ein leichter Kork gewesen sein, der mit der Zeit immer stärker wurde. Dazu gibt es beim 70er leider auch Flaschenvariationen. Wenige Tage danach habe ich deshalb eine Flasche aus eigenem Keller geholt und zusammen mit Bernd und Christoph Suhre vom 485 getrunken. Da zeigte sich der 70er wieder als großer, sehr minziger, kräftiger und langer Lynch Bages in Bestform – WT95.

Ein immer noch so frischer Traum-Lynch Bages, einfach sexy mit betörender, süßer Frucht und viel Charme ist der 1985 Lynch Bages, der noch keinerlei Alter oder Schwächen zeigt – WT95. Gleichzeitig ist dieser großartige Wein, den ich immer noch gerne nachkaufe, ein Lehrstück für die Entwicklung von Bordeaux. Als sich dieser hier wie viele andere 85er auch gegen Ende der 90er Jahre verschloss, hieß es, der (vermeintliche, weil so früh trinkbar) Blenderjahrgang hat ausgedient und ist vorbei. Dumm gelaufen für all diese Experten, denn nach ein paar Jahren waren die 85er wieder da. Ob Mouton, GPL, Comtesse, Gruaud, Latour oder eben dieser Lynch Bages, die bringen einfach genialen Trinkspaß ins Glas. Ein sehr interessante Langstreckenläufer dürfte auch 1986 Lynch Bages werden, der jetzt hier trotz immer noch präsenter Tannine und gewaltigem Rückgrat eine wunderbare Frucht zeigte – WT94+. Wer 1986 als Jahrgang abgeschrieben hat, sollte davon mal eine Flasche aufmachen. Noch etwas länger braucht wohl 1988 Lynch Bages, aber da ist verdammt viel Dampf dahinter. Ein Wein mit enormer Substanz und massiven Tanninen, der wohl noch 5-10 Jahre braucht, dann aber mal groß wird – WT93+.

Schwierig zu verkosten war 1995 Lynch Bages, der auf der einen Seite recht gefällig wirkte und mit der Zeit immer fruchtbetonter wurde, auf der anderen Seite aber Ladehemmung hatte. Da sind wohl die im Moment immer noch etwas bissigen 95er Tannine im Weg. Abschreiben würde ich diesen Wein aber nicht – WT92. Kräftiger und ausdrucksstärker mit viel Druck und guter Cassisfrucht war 1996 Lynch Bages, der noch viel Potential für eine längere Entwicklung zeigte – WT94. Im Vergleich wirkte der 1998 Lynch Bages ziemlich schlapp und kam nicht mit, vielleicht derzeit nicht in der besten Phase – WT90.

Und das wurde dann der Flight des Abends, ein Trio mit dreimal Lynch Bages vom Feinsten. Ohne Zweifel für alle am Tisch der Wein des Abends war 1982 Lynch Bages, der sich in einfach bestechender Form zeigte. So jung, so druckvoll, Pauillac vom Feinsten mit Leder, Tabak und Zedernholz, mit so wundervoller Frucht und vor allem mit einfach göttlichem Schmelz – WT98. Potentiell der größere Wein ist 1989 Lynch Bages, der sich aus dieser perfekt gelagerten Flasche so unglaublich jung zeigte, so konzentriert mit superdichter Farbe und süßer Frucht, aber bei aller Kraft am Gaumen zwar sehr nachhaltig, aber auch gleichzeitig so elegant, seidig und spielerisch, dabei immer noch mit perfektem, präsentem Tanningerüst und Mörderpotential – WT97+. Deutlich offener kenne ich den sonst so hedonistischen 1990 Lynch Bages, den ich in den letzten Jahren mehrfach mit WT99 im Glas hatte. Aber jetzt und hier wirkte er noch etwas verschlossener als der 89er und schien eine Art schöpferische Pause einzulegen – WT95. Wer von diesen drei Giganten genügend im Keller hat, braucht sich über Subskription keine Gedanken zu machen. Da ist für die nächsten 20 Jahre Trinkspaß auf höchstem Niveau garantiert.

Als moderne Wiedergeburt des 82ers zeigte sich 2000 Lynch Bages. So ein einfach geiler, schmelziger Saft mit wunderbarer Röstaromatik, irrer Länge am Gaumen, aber auch genügend Substanz und großartiger Struktur für eine lange Entwicklung – WT97. Nach wie vor jede Suche wert. Erstaunlich schlank zeigte sich 2005 Lynch Bages, der aber eine enorme Kraft und Länge besaß. Da kommt sicher noch mehr – WT94+. Leider entzog sich 2006 Lynch Bages durch Kork einer Beurteilung. Das war schade, denn Farbe, Substanz und Frucht (soweit sie unter dem Kork hervorblitzte) deuteten auf einen guten Wein hin.

Als Abschluss kamen die beiden Power Twins aus den viel gehypten, sündhaft teuren Zwillingsjahren 2009 und 2010. Der 2009 Lynch Bages wirkte üppig, füllig mit (zu)viel spürbarem Alkohol. Würde ich noch eine Weile weglegen – WT93+. Der 2010 Lynch Bages zeigte sich, obwohl sicher nicht mit weniger Alkohol, viel ausgewogener, straffer mit toller Struktur – WT94+.

Und was ist mit den Jahren danach? 2011 und 2012 Lynch Bages könnten sich in ein paar Jahren zu ganz passablen Weinen entwickeln, die ich aber nur bei richtigen Schnäppchen kaufen würde. 2013 Lynch Bages fand ich 2015 auf der UCB Verkostung überhaupt nicht ansprechend. Sehr gut hat mir dagegen auf der 14er Verkostung der UCB der 2014 Lynch Bages gefallen. Sicher eine Suche wert. Ob der 2015 Lynch Bages da wirklich besser ist, muss sich nächstes Jahr in den Arrivage-Proben zeigen. Als überaus gelungen und in der Liga gilt 2016 Lynch Bages, der in diesen Tagen als Subskription auf den Markt kommt. Hier gilt natürlich, wie immer bei Subskription, stimmt das Preis-/Leistungsverhältnis, und wann möchte ich den Wein trinken. Der 2016er wird sicher 10+ Jahre brauchen, bis er trinkreif ist.

Als Absacker wurde dann noch ein 2014 Flor de Pingus geöffnet, der deutlich zeigte, dass Punkte nicht alles sind. Viel Brett, viel Alkohol, leicht überbordende, süße Frucht, hat irgendwie von allem zuviel – WT90+. Bleibt die Hoffnung, dass dieser Flor sich in 5 Jahren oder später besser trinkt, wenn die einzelnen Teile zusammenpassen.