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Grosse Burgunder in Halle M 2017

Tradition hat sie inzwischen, die Probe, die ich für meine Winzerfreunde am Proweinmontag im Landhaus Mönchenwerth veranstalte.

Als Apero gab es einen 1978 Chablis Grand Cru Les Clos von Laroche aus der Magnum. Der stand noch wie eine Eins im Glas mit golgelber Farbe und erstaunlicher Frische. Mineralisch, kräftig mit feinem, burgundischem Schmelz – WT94.

Im ersten Flight dann zwei Weine aus dem schwierigeren Jahr 1967. Aber in Burgund gibt es in fast jedem Jahr gute weine. Man muss halt nur lang genug suchen. Der 1967 Clos des Mouches von SA Leroy hatte eine helle Farbe mit Reifetönen, am Gaumen zeigte er sich sehr vital, dabei absolut stimmig und elegant mit feiner Süße und Schmelz – WT96. Eine tiefe, junge Farbe hatte der 1967 Chambertin Clos de Bèze von Doudet-Naudin und eine enorme Kraft und Länge. Wirkte deutlich jünger. Nur die Nase wirkte etwas verhalten und reduktiv – WT95.

Und dann wurde es ganz verrückt. Wie in jedem Jahr gab es einen Ratewein. Und der Deal war, wie immer, wer den halbwegs errät, darf bleiben. Für alle anderen gibt es einen Kleinbus in die Altstadt. Natürlich hat diesen Wein noch nie jemand erraten, aber ich habe natürlich auch noch nie jemanden weggeschickt. In diesem Jahr war es ein 1957 Würenloser Bick Altberg Rössliwy aus dem Rebgut Theodor Haag, gepflegt in den Kellereien Emil Voser. Immerhin also ein Blauburgunder aus dem Kanton Aargau, der irgendwann vor ewigen Zeiten bei der SCA Luzern mal eine Goldmedaille gewonnen hat. Und jetzt stand dieser 60jährige Schweizer Wein mit zwar sehr heller, aber intakter Farbe vor uns und war dabei so fein, so elegant, ein filigranes, sehr gut zu trinkendes Wunder. Da konnte man locker WT88 oder auch mehr dran schreiben. Martha Gantenbein war es diesmal, die den richtigen Riecher hatte und auf einen Schweizer Wein tippte.

Und damit kamen wir zum absoluten Senior der Probe, einem 130jährigen 1887 Corton aus einer Händlerabfüllung. Drei Flaschen habe ich davon vor zwölf Jahren aus einem sehr kühlen, belgischen Keller erstehen können. Dieser Wein aus der Vorreblauszeit stand wie eine Eins im Glas, entwickelte eine feine Süße und baute nicht ab, sondern deutlich aus. Unfassbar, welche Statur die Weine der damaligen Zeit von wurzelchten Reben hatten. Da waren locker WT95 für die Weinbuchführung und WT100 fürs Gänsehauterlebnis fällig.

Geradezu jugendlich wurde es danach mit einem Sprung um 30 Jahre ins große Burgunderjahr 1919. Zwei immerhin 98jährige Burgunder standen jetzt vor uns. Der 1919 Hospice de Beaune Pommard Cuvée des Dames de la Charité, ausgebaut und abgefüllt von Bichot, hatte zu Anfang Klebstoff in der Nase, die aber mit der Zeit besser wurde. Erstaunlich die feine, rotbeerige Frucht, die gute, Frische verleihende Säure und die gute Struktur. Entwickelte sich sehr gut im Glas und zeigte immer mehr den süßen Schmelz eines reifen Burgunders – WT94. Nicht in bester Form war ein 1919 Richebourg von Ropiteau, leicht trüb die Farbe, flüchtige Säure, aber auch schöne Süße – WT87.

Und dann kam der erste Burgunder der Marke „Sprachlos“. Brilliant und praktisch altersfrei die Farbe des 1928 Hospice de Beaune Beaune Cuvée Brunet aus der Collection du Docteur Barolet. Traumnase, unglaubliche Frucht, herrliche, generöse Süße, bei diesem Riesen, der sehr lang am Gaumen blieb, stimmte einfach alles, der war schlichtweg perfekt – WT100. Klar, solche Höhepunkte, die sich fest in die Weinseele einbrennen, sind nicht garantiert, sind keine Selbstläufer. Diese Wein hier hatte ich 2009 als Barrière-Abfüllung mit WT92, und 2015 in der Barolet-Version mit WT95 im Glas. Dass jetzt hier ein WT100-Star drin sein würde, war von draußen nicht zu erkennen. Wer dahin kommen möchte, muss auch durch zahlreiche Untiefen waten und natürlich auch das vielfältige Risiko schlechter Flaschen in Kauf nehmen. Und leider muss man inzwischen auch reichlich Geld in die Hand nehmen. Der Markt für reife Burgunder in akzeptablem Zustand ist praktisch leergefegt, woran ich mit meiner Schreiberei wohl auch schuld bin.

Im anderen Glas ein 1929 Volnay Santenots Hospice Cuvée Jehan de Massol, abgefüllt von Chauvot Labaume. Eine leicht trübe Farbe hatte dieser Wein, dazu eine etwas schwierige Nase. Dafür entschädigte der Gaumen mit traumhafter, generöser, malziger Süße – WT93.

1934 Bourgogne Grand Vin, mehr stand nicht auf der Flasche von Colcombet Frères, einem Negociant aus Nuits-Saint-Georges. Was war da drin? Sicher nichts schlechtes, denn das war ein immer noch so jung wirkender Wein mit einfach genialer Struktur und soviel Druck am Gaumen – WT96. Wäre heute wohl unmöglich, dass ein Händler solch eine überragende Qualität kaufen könnte. Aber damals, so kurz nach der Weltwirtschaftskrise, war wohl jeder froh, der überhaupt etwas los wurde. Reifer, zugänglicher, aber auch komplexer im anderen Glas der 1934 Bonnes Mares von Seguin Manuel, so stimmig, so balanciert mit feinem, süßem Schmelz, der den Gaumen mit Seide überzog – WT97.

Aus dem großen Burgunderjahr 1937 kamen jetzt zwei Prachtexemplare ins Glas. Im ersten Glas schon wieder Colcombet Frères, diesmal stand auf der Flasche 1937 Reserve Privée. Was immer das jetzt war, es war schlicht unfassbar gut. So dicht, so kraftvoll, aber gleichzeitig auch stimmig und balanciert mit toller Struktur und feinster Süße. Ein brillianter Burgunder, der in dieser Form sicher noch seinen eigensten 100sten voll macht – WT98. Auf gleichem, extrem hohem Niveau ein 1937 Corton Renardes von Chevillot. Auch da war noch ordentlich Dampf hinter. Als ob er dem Cocombet zeigen wollte wo es lang geht, baute der einfach irre im Glas aus, wurde immer süßer, komplexer mit unglaublichem Tiefgang und Länge – WT98.

Risiko war dann eher bei den schwierigen Kriegsjahren angesagt. Aber diese Sorge war unbegründet. Der 1943 Vosne Romanée von Grivelet Père & Fils war ein sehr feiner, eleganter Wein, dabei edelrustikal mit enormer Kraft – WT95. Noch einen Tick drüber der 1942 Corton Grancey von Louis Latour, der vielleicht best ever Corton Grancey, der sich zwar reif präsentierte, den Gaumen aber mit herrlicher Süße, so wunderbarem Schmelz verwöhnte – WT96.

Riesengroße Weine wurden im Superjahr 1945 auch in Burgund produziert, wo die Ernemenge sehr klein war. Vor 4 Jahren hatte ich zum Boxenstopp in Bad Ragaz eine Flasche 1945 Chambertin einer Domaine Clerget-Buffett mit, die sich damals auf unglaublichem Niveau als Wein des Abends mit klaren WT100 präsentierte. Hier gab es jetzt heute den 1945 Clos Vougeot von Clerget-Buffett. Auch das war wieder absolute Perfektion. Dieser, so unglaublich druckvolle, vitale, altersfreie Wein hatte einfach alles von allem. Da war einfach unbeschreibliche Süße, Fülle, Freude am Gaumen und unglaubliche Länge – WT100. Sa musste sich selbst im anderen Glas der überragende 1945 Chambertin von Faiveley geschlagen geben. Der zeigte eine dermaßen überragende Dichte und Komplexität, überzeugte mit wunderbarer, generöser Süße und spielte dazu mit einer geradezu irren Eukalyptusnase den 45er Mouton – WT98.

Eine Superfarbe hatte der 1947 Chambertin von Chartron, dazu enorme Katft und Dichte. Aber irgend etwas stimmte nicht. War das Kork oder nicht? Wir waren uns nicht einig. Im anderen Glas die Burgunderlegende schlechthin, 1947 Chambertin Vandermeulen. Fünf Stunden vorher hatte Oliver Speh ihn wieder dekantiert. Die braucht dieser geradezu explosive Superstoff, der dann den ganzen Gaumen mit Beschlag belegt einfach, um sich voll zu entfalten – klare WT100.

In Burgund gehörte 1950 nicht zu den Überflieger-Jahrgängen. Trotzdem wurden eine Reihe sehr guter Weine erzeugt. So auch dieser 1950 Charmes Chambertin von Bouchard, der immer noch eine erstaunlich schöne Frucht aufwies, eine schöne Süße und mit burgundischer Pracht und Fülle punktete – WT95. Von allem etwas mehr hatte der enorm druckvolle 1949 Chambertin von Morin – WT97.

Sehr würzig, ausdrucksstark mit kraftvollem Auftritt, enormer Länge und der verschwenderischen Süße eines großen, reifen Burgunders der 1952 Richebourg von Bichot – WT98. Eine Bank sind regelmäßig die älteren Weine von Doudet-Naudin. Schon öfter hatte ich den 1953 Corton von Doudet-Naudin im Glas. Dies hier war jetzt meine bisher mit Abstand beste Flasche. Noch so jung wirkend die Farbe, schöne Frucht, generöse Süße, Kraft und Länge, reif, aber in dieser Form sicher noch mit etlichen Jahren Zukunft – WT97.

Als Abschluss dann noch zwei Weine aus dem Bilderbuch-Burgunderjahr 1959. Einfach betörend mit immer noch so schöner Frucht und dem Charme des Namens, aber auch enormer Kraft und Fülle der 1959 Charmes Chambertin von Ligeret – WT97. Fast wie ein (trockenes) Dessert zeigte sich der vor vier Jahren rassig schlanke 1959 Griottes Chambertin von Royé-Labaume. Das war jetzt einfach überragende Süße, Süße und noch mal Süße, aber mit guter Struktur dahinter und prächtiger Fülle – WT98.

Eine Wahnsinnsprobe war das. Perfekt orchestriert von Oliver Speh als Maitre de Plaisir, großartig unterlegt mit einem schönen Menü von Guy de Vries und seinem Team und mit prächtiger Stimmung im Kreis meiner Winzerfreunde aus allen Teilen der Welt.

Nur mir wurde angesichts von soviel Flaschenglück und so hoher Qualität der Weine Angst und Bange. Kriege ich das im nächsten Jahr noch mal hin? Wie gehe ich mit dieser verdammt hohen Messlatte um?