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Cellar Devils on Sunday

Ob wir nicht noch am Sonntag etwas „Kleines“ machen könnten, fragte Jeff Leve, dem bei uns in Düsseldorf wohl sehr gut gefällt. Also trafen sich ein paar Devils am Sonntag mit Jeff im Marli. Und das dann etwas „Großes“ draus wurde, war eigentlich vorhersehbar.

Eigentlich ist das Marli Sonntags geschlossen, aber für uns und unseren amerikanischen Gast machten Claudia und Franz Josef dankenswerterweise auf. Schließlich hatten wir ja auch ein paar spannende Weine im Gepäck.

Los ging es mit einem Luxemburger Riesling, einem 2005 Greiveldenger Hütte Grand Premier Cru von Beck-Frank. Der war frisch, schlank, im besten Sinne harmlos, aber gut trinkbar – WT86. Nach einer leider korkigen Wiltinger Kupp Auslese Golgkapsel von Hbert Schmitz ging es weiter mit einer 1985 Scharzhofberger Auslese vom Weingut Hohe Domkirche. Die hatte noch eine gute Säure und feinen Schmelz gepaart mit guter Schiefermineralität und wirkte eher halbtrocken – WT89.

Und dann ging es gleich ins Eingemachte. Sommerfrische kam ins Glas mit dem 2015 Nossa Calcario Branco von Filipa Pato und William Wouters aus dem Barraida in Portugal. Gute Säure, herbe Frische, kühle Frucht, feine Aromatik, angenehme 12%, dürfte mit den Jahren noch zulegen – WT91+. Große Klasse danach ein 1992 Chablis Grand Cru Les Clos von William Fèvre. Sehr mineralisch mit präziser Struktur und guter Säure, einfach ein immer noch so frischer Bilderbuch-Chablis mit ganz dezentem, nussigem Schmelz, baute enorm im Glas aus – WT96.

Mit einem prächtigen Champagner, der sich so gut wie nie zuvor zeigte, ging es weiter. Der 1996 Orpale Grand Cru Blanc de Blancs von der Union Champagne de Saint Gall begeisterte mit intensivem Mousseux, frischem Brioche, cremiger Textur und intensiver Mineralität. Absolut trocken und immer noch so jugendlich zeigte er nicht nur die große Klasse des Jahrgangs, sondern auch, dass es nicht unbedingt die großen Namen sein müssen. Ich hatte diesen Champagner zum ersten Mal 2011 auf Empfehlung von Lennart Wenk im Munkmarscher Fährhaus im Glas. Damals wie heute waren das klare WT95 (Etikettentrinker geben 2-3 weniger).

Sehr überzeugend und überraschend gut danach der Senior des Abends, ein 1929 Batailley. Aus dieser Ausnahmeflasche hatte er nicht nur eine voll intakte Farbe, sondern auch enorme Kraft und langen Abgang. Sehr elegant und finessig mit feinem, süßem Schmelz, erdiger Mineralität, dunklem Tabak und altem Sattelleder – WT96.

In den 80er Jahren waren wir danach blind am Tisch. Dichte Farbe, traumhafte Nase, feine Bleistift-Mineralität, Eleganz, einfach ein sehr stimmiger, wunderbar zu trinkender Wein. Dieser 1967 La Rose Pauillac der Winzergenossenschaft aus Pauillac hatte eine Qualität, für die sich auch ein Premier Cru aus Pauillac nicht schämen müsste – WT92. Auch hier dürfen Etikettentrinker gerne wieder reichlich Punkte abziehen. Ich werde meine restlichen Flaschen vorzugsweise mit guten Freunden aus 1967 genießen.

Als gut gereifter Kalifornier ging danach der 1975 Montagne Cabernet Sauvignon aus Stellenbosch in Südafrika durch. Feine, immer noch frische Frucht, schöne Minze, viel Druck – WT91. Südafrika hat in den 70ern einfach spannende Weine gemacht. Das zeigte danach auch der ausnehmend gut gelungene 1978 Nederburg Cabernet Sauvignon aus Paarl, der am Tisch als gut gereifter Bordeaux vom linken Ufer durchging – WT92. Diese Weine haben damals wahrscheinlich für kleines Geld in deutschen Supermärkten gelegen. Sie sind immer noch jede Suche wert, was allerdings nicht ganz einfach ist, denn wer hat solche Weine schon entsprechend gut gelagert. Als Beiwerk im Kartoffelkeller sind sie nicht zu gebrauchen.

Ein No-Brainer war der 1951 Vina Real Reserva Especial von CVNE. Ein großer, fleischiger, perfekt gereifter Rioja, altersfrei mit generöser Süße und viel Kaffee – WT96. Ich habe von diesem großartigen Wein aus dem ansonsten weitestgehend hoffnungslos schlechten Weinjahr 1951 mit FranzJosef Schorn, der aus diesem Jahrgang stammt, schon ein gutes Dutzend Flaschen dieses Weines geleert.

Spannend das nächste Zwillingspaar. Jeff Leve hatte als Überraschung einen 1971 Latour-à-Pomerol mitgebracht. Nicht abgesprochen hatte ich zufällig noch einen 1971 Vieux Certan dabei. Das war ein Duell auf Augenhöhe, das deutlich zeigte, wie gut dieser Jahrgang in Pomerol war. Hedonismus pur der Latour-à-Pomerol, so süß mit feinster Bitterschokolade und enormer Fülle, einfach dekadent lecker zu trinen – WT95. Der aus dieser (perfekten) Flasche noch so erstaunlich jung wirkende Vieux Certan konnte beim Hedonismus nicht mit, war aber der deutlich feinere, elegantere Wein – WT95.

Und dann kam das, was für uns alle der wein des Nachmittags war. Alle Welt rennt dem Hermitage-la-Chapelle hinterher. Dabei macht(e) Jaboulet-Ainé auch einen hervorragenden Côte Rotie. Dieser 1970 Côte Rotie Les Jumelles spielte mit seinem Pfauenrad an Aromen in Guigal LaLa Liga mit und ginge mit seiner Würze und seiner generösen Süße auch als gereifter La Mouline durch und war so komplex und lang – WT97.

Klar, nach solch einem Highlight konnte einem der 1976 Palmer, den Franz Josef noch aus dem Keller zauberte, einfach nur leid tun. Dabei war das durchaus kein schlechter Wein. Reif, weich, schmelzig ohne Ecken und Kanten, aber auch ohne Höhepunkte und wurde mit der Zeit etwas gemüsig – WT88.

Inzwischen war es längst Abend und der gute Jeff entschwunden. Aber die Harten blieben noch im Garten und genehmigten sich zwei wunderbare Rieslinge als Absacker. Sehr balanciert, cremig, mineralisch und lang am Gaumen die 2012 Wehlener Sonnenuhr Alte Reben Reserve von Dr. Loosen, die sicher noch zulegen kann – WT93+. Ein mineralischer Urgesteinshammer danach die 2013 Bernkasteler Lay Auslese trocken** von Molitor. Das war kein Betthupferl, das war ein Wachmacher par Excellence, der den gesamten Gaumen wieder in Hab-Acht-Stellung brachte – WT95. Höchste Gefahr, dass jetzt ungezügelte Lust durchbrach. Also nichts wie schnell weg nachhause und ab ins Bett.